Moonboard: Wie es funktioniert, was es bringt und was du beim Training beachten musst

Spraywalls und Systemboards haben mittlerweile Tradition. Als Trainingtools erlauben sie es ambitionierten Kletterern, auf wenig Raum schwere Kletterzüge zu üben. Vor dem Boom der Kletterhallen waren sie die beste Möglichkeit, auch bei schlechtem Wetter ein paar Klettermeter zu machen. Das Aufkommen moderner Hallen hätte somit auch das Ende der Board-Ära sein können. Tatsächlich ist das nicht der Fall – im Gegenteil: In den letzten Jahren sind Spray- und Systemwalls von den Kellern und Dachböden in die Trainingsbereiche der Hallen gezogen, wo sie immer häufiger vertreten sind. Besonders das Moonboard hat von dieser Entwicklung profitiert und gilt heute schon fast als Standard. Trotzdem wissen viele nicht, was es mit diesem Gerät eigentlich auf sich hat, was man daran trainieren kann, wie das Training funktioniert und vor allem: Wie man dabei gefürchtete Verletzungen vermeidet.

Was das Moonboard von anderen Boards unterscheidet

Das Moonboard wurde um 2005 von der britischen Kletterlegende Ben Moon erdacht. Nachdem er selbst jahrelang an Spraywalls trainiert hatte, kam ihm die Idee, das Konzept weiterzuentwickeln. Während normalerweise keine Spraywall der anderen gleicht, sollte das Moonboard überall identisch sein. Er legte deshalb die Größe und Neigung der Wand fest, genauso wie die verfügbaren Griffe und deren Orientierung. Der große Vorteil dieses Systems: Alle Besitzer des Moonboards können die gleichen Boulder klettern und füreinander Probleme definieren, ohne tatsächlich am gleichen Ort zu trainieren. Das Moonboard konnte so eine internationale Community aufbauen.

Dank der Einführung einer App und eines LED-Beleuchtungssystems für die Griffe bekam diese Entwicklung noch einmal einen Schub. Musste man in den alten Tagen Boulder auswendig lernen und Definitionen auf Papier notieren, bietet die App eine simple Online-Datenbank. Hier hat man Zugriff auf Tausende fertige Probleme und kann selbst neue Boulder speichern. Hat man das passende Projekt gefunden, reicht ein Klick, um die entsprechenden LEDs am Board anzusteuern. Sich Griffe merken zu müssen, war gestern. Das erleichtert den Einstieg deutlich.

Um noch mehr potenzielle Nutzer anzulocken, hat Moon sich mit den Jahren etwas von der Grundidee komplett identischer Boards entfernt. Zusätzlich zu neuen Griffsets, die sich unterschiedlich kombinieren lassen, gibt es heute neben der originalen 45-Grad-Version auch ein Moonboard mit 25 Grad Neigung und ein Mini-Moonboard für den Hausgebrauch. Gerade Letzteres hat während der Corona-Pandemie reichlich Nutzer gefunden.

Wie startet man das Training am Moonboard?

Das Moonboard gilt zurecht als hervorragendes Trainingstool. Wenn du noch keine Erfahrung damit oder dem Klettern an einem Board generell hast, solltest du es aber erst einmal ruhiger angehen. Zwar sind die leichtesten Boulder im 6A-Bereich angesiedelt, die Bewertungen gelten jedoch als straff. Außerdem unterscheiden sich die Griffe deutlich von dem, was in Hallen ansonsten üblich ist. Sie sind nicht immer ergonomisch und gemessen an der Neigung des Boards klein. Die Belastung für die Finger ist dadurch so hoch, dass das Moonboard für Klettereinsteiger ungeeignet ist. Außerdem werden die Züge in höheren Graden zunehmend weiter und der Stil dynamischer. Dadurch sind Ellenbogen und Schultern stark gefordert. Die Belastung lässt sich ein wenig mit dem Campusboard vergleichen. Auch dort solltest du vor dem Einstieg wenigstens ein bis zwei Jahre regelmäßiges Klettertraining hinter dir haben.

Wagst du dann den Einstieg, sind die Benchmarks am Board ein guter erster Anlaufpunkt. Dabei handelt es sich um Boulder, die als repräsentativ für den jeweiligen Grad gelten. Über die Filterfunktion der App kannst du einstellen, dass dir ausschließlich Benchmarks angezeigt werden. Sortierst du diese außerdem nach den häufigsten Begehungen, bekommst du es erst einmal nur mit guten Bouldern zu tun. Es schadet nicht, sich hier in den ersten Sessions vor allem um Probleme in niedrigen Graden zu kümmern, selbst wenn diese der Bewertung nach deutlich unter deinem Level liegen. Es braucht einfach etwas Zeit, sich an den Stil des Moonboards zu gewöhnen.

Wie sieht eine Session aus?

In der Moonboard-App lassen sich die Boulder nach verschiedenen Kriterien filtern. Neben Tausenden Community-Problemen gibt es auch Benchmarks. Zum Einstieg lohnt es sich, einen Blick auf die meistbegangenen zu werfen.

Moonboard-Sessions sind im Vergleich zu normalen Hallensessions um einiges kürzer. Schon eine bis anderthalb Stunden am Board genügen, um sich zu plätten. Dabei sollte das Training am Moonboard nicht den Abschluss deines Hallenbesuchs darstellen, sondern den Kern deiner Einheit bilden. Um sicher am Board zu trainieren, musst du frisch und konzentriert sein. Das heißt, nach einer ordentlichen Erwärmung geht es direkt ans Board.

Zum Start solltest du dann ein paar Warm-up-Boulder in niedrigen Graden klettern, die deinen Körper noch einmal spezifisch auf das Boardtraining vorbereiten. Zwei oder drei weniger dynamische 6A+, vielleicht auch eine 6B sind für mich zum Beispiel eine gute Wahl. Danach geht es an die schwereren Projekte, die weitere Züge und/oder kleinere Griffe haben können. Dabei geht es um Klasse statt Masse. In einer Projekt-Session kann es sein, dass zusätzlich zu den Einstiegsbouldern nur zwei oder drei andere Boulder an die Reihe kommen. Eventuell sogar weniger.

Zeit, das Problem zu wechseln, wird es, wenn du merkst, dass deine Finger oder Schultern ermüden und deine Bewegungsqualität leidet. Dann solltest du dir ein Problem mit anderem Charakter suchen. Geht deine Leistung generell langsam abwärts, macht es wenig Sinn, weiterzutrainieren und Durchstiege mit aller Macht zu erkämpfen. Aufgrund der hohen Belastung steigt das Risiko von Verletzungen bei zunehmender Ermüdung stark an. Tatsächlich ist starke Ermüdung bereits ein Zeichen, dass das Training etwas zu lang war – zumindest, wenn du an Bouldern gearbeitet hast, die an deinem Leistungslimit liegen.

Was bringt dir das Boardtraining?

Das Training am Moonboard kann dich in einigen Bereichen voranbringen. Ein besonderer Schwerpunkt ist aufgrund des Stils die Explosivität des Oberkörpers und der Fingermuskulatur. Vor allem, wenn du in höhere Grade vordringst, werden die geforderten Bewegungen dynamischer, was entsprechende Anpassungen mit sich bringt. Ein zweiter Schwerpunkt ist sicher die Körperspannung. Durch die hohe Neigung des Boards und die Weite der Züge musst du deinen Rumpf permanent unter Spannung halten. Sei es, um die Füße auf den Tritten zu halten, oder den Schwung abzufangen, wenn sie doch einmal abrutschen. Hast du in diesen Bereichen Defizite, wirst du schon nach wenigen Sessions am Board Verbesserungen feststellen.

Als nicht ganz so wertvoll sehe ich das Moonboard für den Bereich Klettertechnik an. Was nicht heißen soll, dass die Kletterei nicht auch einen gewissen technischen Anspruch hat. Richtiger Hüfteinsatz beim Schwungaufbau, Präzision, das Belasten von Tritten, die sich in unbequemen Positionen befinden – man kann hier einiges lernen. Allerdings bleibt es immer Kletterei an einer steilen Wand mit mäßig guten Griffen. Hat man den Dreh einmal raus, hält sich der Lerneffekt in Grenzen. Deshalb würde ich das Moonboard nie als alleiniges Trainingstool für das Klettern verwenden, wenn es anders geht. Es ist eine gute Ergänzung und macht sicher stark, bildet aber nur einen sehr spezifischen Stil ab. Wer nur boardet, wird deshalb nur an Bouldern glänzen können, die diesen Boardstil verkörpern.

Was ich nicht unerwähnt lassen möchte: Obwohl das Moonboard durch den Charakter der Boulder bestens für das Training der Maximalkraft und Explosivität geeignet ist, muss es nicht zwingend dafür genutzt werden. Von sehr fitten Athleten wird es auch gern für das Training der anaeroben Ausdauer genutzt. Hier können Boulder ohne Pause und lange Laufwege gespult werden. Weil diese Art des Trainings aber sehr erschöpfend ist, sollte man bereits einiges an Erfahrung am Moonboard mitbringen, um selbst bei starker Ermüdung sicher klettern zu können.

Und natürlich lassen sich auch andere Skills ganz gezielt trainieren. Willst du zum Beispiel deine Blockierfähigkeit besonders fördern, kannst du versuchen, weite Züge möglichst statisch zu lösen. Geht es dir eher um die Schulterkraft, suchst du nach Bouldern mit Schulterzügen oder definierst dir eigene Probleme. Mit etwas Fantasie wird das Moonboard so zu einem sehr vielseitigen Trainingstool.

Mehr Motivation fürs Training

Was man auf keinen Fall unterschätzen darf, ist der Spaßfaktor. Auch wenn viele Griffe zum Teil eine bessere Haptik haben könnten, fühlt es sich einfach gut an, bei einem Projekt Gas zu geben und mit einem Durchstieg belohnt zu werden. Erst recht, wenn die Kletterei am Moonboard einem eigentlich nicht liegt. Dann nach einigen Eingewöhnungssessions zu merken, wie anfangs harte Boulder immer leichter fallen, ist enorm motivierend. Dass sämtliche Probleme eine Gradbewertung haben, hat ebenfalls seinen Reiz. Man hat einfach das Gefühl, die eigenen Fortschritte besser nachvollziehen zu können.

Über Grade lässt sich gut streiten. Das Moonboard ist da keine Ausnahme. Selbst bei Benchmarks mit Tausenden Bewertungen finden einige Hundert Kletterer noch, dass das Problem auf- oder abgewertet werden sollte.

Zu den Graden muss allerdings auch gesagt werden, dass hier Subjektivität – wie so oft – eine große Rolle spielt. Da viele Boulder nur wenige Wiederholungen haben, hängt die Bewertung von der Meinung des Definierenden ab. Und selbst Benchmarks mit hunderten Wiederholungen können sich in ihrer Bewertung uneinheitlich anfühlen. Es bleibt also wie immer beim Klettern: Grade sind ein mehr oder minder vages Hilfsmittel und keine objektive Größe.

Trotzdem: Weil die Boulder sich nicht verändern, kannst du dir echte Projekte suchen und dir diese erarbeiten. Die Bewertung des jeweiligen Problems kann dabei natürlich ein enorm motivierender Faktor sein. Derart feste Ziele vor Augen zu haben und sich immer wieder daran messen zu können, ist für die Trainingsmoral enorm wichtig. Leider kommt genau das in der Halle normalerweise zu kurz, weil Boulder nach wenigen Wochen wieder verschwinden. Langfristige Projekte kann es so an der normalen Wand nicht geben. Anders am Moonboard. Hier bleiben die Boulder auch nach Jahren gleich. Mittlerweile gibt es sogar begehrte Klassiker. Sich diese zu klettern zum Ziel zu machen, gibt Orientierung im Training, wie es sonst nur bei Outdoor-Bouldern der Fall ist. Das Moonboard kann so ganz unabhängig vom tatsächlichen Trainingseffekt Einfluss darauf haben, wie schnell du dich verbesserst, indem es deinen Fokus beim Training schärft.

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