Unterwegs in Ondras Revier: Bouldern in Petrohrad

Vor zehn Jahren sah es so aus, als würde sich in Westtschechien ein neues Bouldergebiet etablieren. Locals hatten Hunderte Blöcke geputzt, Tausende Linien erstbegangen und ein jährliches Kletterfestival ins Leben gerufen, das Größen wie Adam Ondra anzog. Selbst die einschlägigen Szenemedien veröffentlichten Artikel und Videos, in denen die Neuentdeckung als Alternative zu bekannten Gebieten wie Bleau, Magic Wood oder Tessin gehandelt wurde. Trotzdem ist es in den letzten Jahren ruhig geworden in Petrohrad. Unser Eindruck nach einem zweiwöchigen Besuch: vielleicht schon etwas zu ruhig.

Tausende Boulder an tollem Granit

Das Bouldergebiet Petrohrad liegt im ländlichen Raum Westtschechiens auf halbem Weg zwischen Chemnitz und Prag. Namensgebend ist ein angrenzendes, gleichnamiges 700-Einwohner-Örtchen. Genau genommen müsste man aber von zwei Gebieten sprechen. Denn nur eine viertel Autostunde entfernt findet sich in den Wäldern nahe des Orts Zihle ein zweites großes Gebiet, das selbst einige Tausend Linien beherbergt. Weil seit der Veröffentlichung der beiden Führer „Petrohrad a okoli (and surroundings)“ und „Petrohrad Zihle“ in 2013 und 2018 weitere Sektoren erschlossen wurden, ist die genaue Gesamtzahl nicht so leicht herauszufinden. Mehr als 4000 sind es in jedem Fall. Genug, um Boulderer aller Leistungsklassen eine Weile beschäftigt zu halten. Zumal die Gradspannweite von 1 bis 8C reicht. Selbst Seilkletterer finden mit ein paar Dutzend Routen etwas zu tun. Ein starker Kopf ist allerdings Voraussetzung, den mehr als ein oder zwei Haken finden sich an den um die 10 Meter hohen Wänden nicht.

Geklettert wird an Granit, der mal griffig, aber fingerfreundlich, mal großkristallig und hautfressend ausfällt. In jedem Fall ist er bombenfest und bietet hervorragenden Grip. Was die Griffformen angeht, dominieren Sloper und Leisten, die vom hinterschnittenen Henkelband bis zum Mikrocrimp in allen erdenklichen Formen auftauchen. Ganz selten bekommt man auch Taschen oder Löcher unter die Finger. Für Liebhaber von Gebieten wie dem Frankenjura wird das aber nicht genügen.

Technisch, kräftig, gruselig – hier wird (fast) jeder fündig

Der abgeforderte Kletterstil präsentiert sich abwechslungsreich. Reibungsplatten, technische Wandkletterei und kräftige Kompressionsboulder an Bügen geben sich die Klinke in die Hand. Eine Besonderheit ist dabei der Sektor Zihle, wo Graniteier das Bild dominieren. Unten überhängend, oben rund und oft grifflos. Wer Mantle-Probleme mag, wird es dort lieben. Die Höhe der Blöcke und Wände variiert. Zwei-Zug-Lowballs sind genauso zu finden wie Highballs, die die 6-Meter-Marke locker sprengen. Die meisten Blöcke bewegen sich jedoch im gemütlichen Mittelfeld zwischen zwei und vier Meter Höhe. Trotzdem schadet es nicht, mehr als ein oder zwei Pads dabei zu haben. Während Petrohrad in seinen freundlichsten Ecken perfektes Absprunggelände liefert, kann die Landezone an anderer Stelle ziemlich verblockt sein. Dann eine Matte mehr auf Reserve zu haben, beruhigt den Kopf ungemein.

Wirklich weit tragen muss man das Gepäck nie. Für den längsten Zustieg zum Sektor Brana brauchten wir etwa 20 Minuten. Wer kurze Wege bevorzugt, wird in Pod hradem und den Hrbitovni kameny fündig. Hier liegen die ersten Blöcke kaum mehr als 200 Meter vom Parkplatz entfernt im Wald. Der Zustieg geht also schnell – vorausgesetzt man weiß, wo man die Felsen findet.

Wo die Suche zum Erlebnis wird

An diesem Punkt entpuppt sich die von manchen geschätzte Ruhe im Gebiet als großes Problem. Denn während wir die Hauptwanderwege im Wald auch im sommerlichen Grün noch gut finden konnten, waren viele der Trampelpfade zu den Felsen abseits dieser Wege in der Vegetation verschwunden. Wenn sich selbst im parkplatznahen Pod hradem meterlange Wegabschnitte in eine Brennnesselwiese verwandeln können, war im Sommer 2022 offensichtlich wochenlang niemand mehr an den dahinterliegenden Blöcken unterwegs.

Noch häufiger lagen umgestürzte Bäume auf den Wegen oder wichtigen Abzweigungen. Das kam tatsächlich so oft vor, dass wir irgendwann witzelten, wir müssten nur den nächsten umgestürzten Baum suchen, um den Weg zu finden. Es ist schön, im Führer Übersichtskarten zu haben. Wenn die eingezeichneten Pfade zu verschwinden beginnen oder bereits zugewachsen sind, werden diese aber zunehmend sinnlos. Gäbe es nicht zusätzlich die GPS-Koordinaten einzelner Blöcke, wären wir mehr als einmal aus dem Wald zurückgekehrt, ohne die gesuchten Boulder zu finden.

Leider muss ich an dieser Stelle sagen, dass der Führer alles andere als perfekt ist – auch wenn er uns das Leben erheblich erleichtert hat. Die Autoren haben sich entschieden, pro Untersektor nur einen Block und auch diesen nur von einer Seite zu fotografieren. Wenn man also nach einer Tour durchs Unterholz vor einem Fels steht, geht die Suche im Führer weiter. Ist der Block auf einem der Bilder? Und falls nicht, steht man vielleicht nur auf der falschen Seite? Auf unseren Erkundungstouren haben wir mehr als einmal Felsen entdeckt, die wir nicht zuordnen konnten, obwohl Boulder daran markiert waren. Ein Bild jedes Blocks im jeweiligen Sektor erleichtert die Orientierung erheblich. Zumal die Übersichtskarten nicht immer perfekt sind und bei der Auswahl der fotografierten Blöcke gute Auffindbarkeit nur eine Nebenrolle gespielt zu haben scheint.

Bouldergebiet sucht Boulderer

Hätte Petrohrad heute mehr Besucher, wären diese Schwierigkeiten ein sehr viel kleineres Manko. Eine größere Zahl an Kletterern bügeln die Schwachstellen des Führers zwar nicht aus, aber sie halten die Wege frei, was die Suche erleichtert. Und sie würden das allgegenwärtige Moos zurückdrängen. Denn auch die Vegetation auf den Blöcken wird durch die geringe Frequentierung zum Problem. Während unserer Erkundungsausflüge sind wir mehrmals auf Boulder gestoßen, die offensichtlich seit Jahren nicht mehr beklettert wurden. Die Startmarkierungen der Linien waren noch zu erkennen, die Top-Outs aber unter einer Zentimeter dicken Moosschicht verborgen.

In Zihle haben wir sogar einen kompletten Sektor so vorgefunden und deshalb unverrichteter Dinge den Rückzug angetreten. Ein paar Griffe am Top zu putzen, mag für einen Kurzausflug okay sein. Ganze Blöcke vom Moos befreien zu müssen, um überhaupt einen Eindruck davon zu bekommen, ob ein Boulder im Bereich des Machbaren liegt, ist für viele Besucher zu viel verlangt.

An Bouldern wie Suchej rohlik direkt 6A+ präsentiert sich Petrohrad in Bestform. Perfektes Absprunggelände und alles andere als alltägliche Bewegungen – hier kann der tschechische Granit locker mit Bleau mithalten.

Solltest du dich davon abhalten lassen, dem Gebiet einen Besuch abzustatten? Dazu ein klares Nein! Dass Petrohrad und Zihle sich aktuell so unzugänglich präsentieren, ist mehr als schade. Es bräuchte aber nicht viel, um daran etwas zu ändern. Ein paar mehr Leute, die den Blöcken einen Besuch abstatten, würden bereits reichen. Andernfalls gehen unzählige Stunden Einsatz der Locals langsam, aber sicher verloren. Dabei haben die nicht aufgegeben, sondern legen nach wie vor unermüdlich Blöcke frei und etablieren neue Linien. Nach einer Corona-bedingten Pause gab es im April 2022 ein weiteres Petrohradske Padani, bei dem erneut frische Blöcke der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Mangelnde Offenheit für Kletterer kann man der Gegend also nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Dass auf einem Wegweiser im Wald Felsen ganz offiziell als Möglichkeit zum Boulder ausgeschrieben sind, habe ich noch nirgendwo anders gesehen. An der Qualität liegt es ebenfalls nicht. Zwar bietet nicht jeder Block in Petrohrad eine King-Line, manche Linien wird man aber garantiert in Erinnerung behalten. Also warum immer nur Sneznik, wenn es nach Tschechien zum Bouldern geht? 100 Kilometer weiter südlich wartet ein riesiges Gebiet mit tollem Gestein und großer Auswahl auf Entdeckung. Und es könnte mehr Besucher vertragen.

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