Bouldern: Wie gefährlich ist der Trendsport?

Fast fünf Meter hohe Wände und darunter nur eine Matte – kann das wirklich sicher sein? Viele, die das erste Mal eine Kletterhalle betreten und den Boulderbereich sehen, fragen sich, wie gefährlich Bouldern ist. Macht der Trendsport fit oder ist er eher ein Garant für die nächste Sportverletzung? Leider lassen sich diese Fragen nicht mit einem simplen Ja oder Nein beantworten. Denn wie risikoreich das Klettern in Absprunghöhe ist, hängt stark davon ab, wer dort an die Wand geht. Mit dem richtigen Verhalten sind Unfälle gut vermeidbar.

Geringeres Unfallrisiko als beim Volkssport Nummer 1

Zu schweren Unfällen kommt es beim Bouldern selten. Das bestätigen die Zahlen, die jährlich gemeinsam vom Deutschen Alpenverein (DAV) und dem Kletterhallenverband Klever erhoben werden. In ihrer jüngsten Veröffentlichung für das Jahr 2019 registrierte man 145 Unfälle, die einen Krankenwageneinsatz nötig machten. Mit dem Krankenwagen abgeholt zu werden, ist sicher nichts, was man sich von einem Klettertag wünscht. Da es sich dabei aber nahezu immer um Verletzungen an den Armen oder Beinen handelt, kommen die Verunfallten in der Regel glimpflich davon.

Richtig ist, dass die Statistik nicht alle Zwischenfälle abbildet. Da die Meldungen der Hallen auf Freiwilligkeit basieren, dürften die tatsächlichen Zahlen etwas höher liegen. Am Gesamtbild, dass das Bouldern ein meistens ungefährlicher Sport ist, ändert das aber nichts. Schließlich verzeichnen die Hallen in Deutschland mittlerweile jährlich mehrere Millionen Besuche. Das Unfallrisiko bleibt damit im Vergleich zu anderen Sportarten gering. DAV und Klever schätzen, dass auf 1000 Stunden Bouldern 0,18 Unfälle kommen. Leistungsorientierte Fußballspieler stecken deutlich mehr ein. Hier geschehen im gleichen Zeitraum 9,4 Unfälle. Allerdings zeigt die Auswertung auch, dass nicht jeder Kletterer das gleiche Risiko trägt. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung beim Bouldern ist, hast du zu einem großen Teil selbst in der Hand.

Risikofaktor mangelnde Erfahrung

Das größte Risiko für Unfälle beim Bouldern ist sicherlich mangelnde Erfahrung. Das zeigen auch die Zahlen. Bei zwei Dritteln der Zwischenfälle, bei denen Angaben zur Klettererfahrung gemacht wurden, waren die Verunfallten nicht länger als zwei Jahre an den Wänden unterwegs. Das heißt allerdings nicht, dass Einsteiger per se das größere Verletzungsrisiko haben. Denn gleichzeitig verraten die Unfallprotokolle, dass in den meisten Fällen Landungen auf der Matte zum Unfall geführt haben – sowohl nach Stürzen als auch nach kontrollierten Sprüngen. Das heißt, wer bereits gut fallen kann, hat auch ohne viel Klettererfahrung ein geringeres Risiko.

Für den DAV ist das ein eindeutiges Zeichen, dass eine Einweisung ins richtige Fallen und Landen viele Unfälle beim Bouldern vermeiden könnte. Meiner Meinung nach ist das aber nur die halbe Miete. Eine Erklärung der richtigen Technik hilft nur, wenn es die Bereitschaft gibt, diese zu üben. Ohne Training machen selbst Boulderer mit mehrjähriger Erfahrung Fehler, die Unfälle sehr viel wahrscheinlicher werden lassen. Wenn du dich selbst dabei ertappst, schon bei kontrollierten Sprüngen aus geringer Höhe unsicher zu sein, solltest du erst einmal Zeit ins Falltraining investieren, anstatt darauf zu hoffen, immer abklettern zu können. Wie du sicher fällst und welche Fehler du unbedingt vermeiden musst, zeige ich im oben verlinkten Video.

Risikofaktor Selbstüberschätzung

Sprünge, sogenannte Doppeldynos, gibt es beim Bouldern häufiger. Wer fliegt, muss aber auch sicher landen können.

Während für die einen die Angst vorm Fallen zum Problem werden kann, ist es bei anderen die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Auch das betrifft Einsteiger und erfahrene Kletterer gleichermaßen. Insbesondere dann, wenn sie zuvor hauptsächlich am Seil unterwegs waren und dort bereits eine gewisse Sicherheit entwickelt haben. Problematisch ist das, weil modernes Bouldern und Klettern zwei verschiedene Welten sein können. Wo beim Klettern auch in höheren Graden häufig statisch – also mit viel Kontrolle über die Bewegung – geklettert wird, hat beim Indoor-Bouldern ein parkourartiger Stil seinen festen Platz gefunden. Große Griffe und weite Abstände sind einladend, aber auch ein Indiz dafür, dass mit viel Dynamik geklettert werden muss. Damit beim missglückten Sprint über Volumen oder nicht gehaltenem Sprung alles gut geht, braucht es Erfahrung im Landen. Wer hier zu viel will, holt sich schnell Blessuren.

Risikofaktor mangelnde Fitness

Grundsätzlich ist Bouldern ein Sport, der von allen ausgeübt werden kann, die daran Interesse haben. In den letzten Jahren hat sich in vielen Kletterhallen ein Routenbaustil durchgesetzt, der möglichst viele Menschen abholt. Selbst diejenigen, die seit Jahren kaum aktiv waren, können so ihren Spaß haben. Gleichzeitig erhöht eine schlecht trainierte Muskulatur in Verbindung mit Übergewicht das Verletzungsrisiko. Auch hier wartet die Gefahr nicht an der Wand, sondern bei der Rückkehr auf die Matte. Ist das Körpergewicht höher, muss bei der Landung mehr Energie abgebaut werden. Bei falscher Technik steigt dadurch die Belastung für die Gelenke, die gleichzeitig durch die schwächere Muskulatur weniger gestützt werden. Kleine Fehler, die sich trainierte Athleten leisten können, werden so mit etwas Pech schon zum Problem.

Risikofaktor Unachtsamkeit

Zusammenstöße mit anderen Kletterern sind laut der Statistik des DAV selten. Trotzdem sollte man es vermeiden, nah an der Wand entlang zu laufen oder unter anderen zu klettern. Es schadet nie, immer wieder einen Blick nach oben zu werfen, wenn man im Boulderbereich unterwegs ist. Beim kontrollierten Abspringen ist ebenfalls Aufmerksamkeit gefragt. Erst solltest du schauen, ob die Landezone frei ist, bevor du loslässt. Besonders wenn Kinder auf den Matten unterwegs sind, die nicht so genau auf dem Schirm haben, was über ihnen passiert, kann es gefährlich werden. Aber auch kleine Gegenstände können unangenehm werden, wenn du auf ihnen landest. Bürsten, Schuhe und Chalkbags solltest du schon vor dem Einstieg in den Boulder aus dem Weg geräumt haben. Andere Dinge wie Handys oder Wasserflaschen werden grundsätzlich abseits der Matte aufbewahrt.

So sieht ein Fallbereich am besten aus: leer.

Was du tun kannst, um das Bouldern für dich sicherer zu machen

Bouldern in der Halle ist ein Sport, den jeder ausüben kann, der Interesse hat. Da man sich aber in die Höhe bewegt, besteht immer ein gewisses Verletzungsrisiko. Das gilt vor allem, wenn die Erfahrung im Fallen fehlt. Die richtige Technik zu verinnerlichen ist deshalb für alle Boulderer ein Muss – selbst dann, wenn du den Sport schon längere Zeit unfallfrei betrieben hast.

Bist du absoluter Boulder-Neuling, solltest du dich langsam durch die Schwierigkeitsstufen arbeiten. Leichtere Boulder sind normalerweise so geschraubt, dass es kein hohes Risiko unerwarteter Stürze gibt, wenn man mit Verstand klettert. Und auch wenn die Bewegungen nicht ganz so beeindruckend aussehen, vermitteln sie die nötigen Klettertechniken, um auch schwerere Boulder sicher lösen zu können. Fühlst du dich dennoch unsicher, ist es vernünftiger abzuklettern, als einen unerwarteten Sturz zu riskieren. Passieren kann es natürlich trotzdem. Um vorher ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich eine Landung auf der Matte anfühlt, solltest du dich deshalb aus geringer Höhe fallen lassen. Diese Probesprünge kannst du nutzen, um dich mit den richtigen Landetechniken vertraut zu machen.