Klettern mit Kind: Wie die Vaterschaft mein Training verbessert hat

Um besser zu verstehen, wie ich gestrickt bin, zum Start ins Thema eine kleine Anekdote: Als meine Freundin mir 2011 nach dem Studium eröffnete, dass sie eine Stelle in der Nähe von Chemnitz antreten könnte, war mein erster Gedanke nicht daran, Freunde und Familie zurückzulassen. Stattdessen steuerte ich sofort Google an, um herauszufinden, wie es um das Hallenangebot im Erzgebirgsvorland bestellt ist. Bouldern war damals mein neu entdecktes Lieblingsspielzeug und ich wollte es auf keinen Fall aufgeben. 150 Kilometer Distanz bedeuten nicht das Ende der sozialen Kontakte, wohl aber eines Hobbys, wenn man keine Möglichkeit mehr hat, es auszuüben. An dieser Einstellung hat sich bis heute wenig getan, weshalb größere Änderungen in meinem Leben immer die Frage aufwerfen, wie sich das mit dem Bouldern verträgt. Auch als unsere Tochter sich ankündigte, war das so.

Wie sich unser Kletteralltag verändert hat

Klar ist: Ein Umzug in eine andere Stadt ist damit nicht zu vergleichen. Denn von den gewohnten Bahnen, in denen sich unser Alltag bewegt, bleibt mit der Elternschaft weniger übrig als bei nach Verlegung unseres Lebensmittelpunktes. Mit Blick auf das Bouldern mussten wir nach unserem Umzug lediglich einen etwas längeren Fahrtweg in Kauf nehmen und deshalb unsere wöchentlichen zwei Bouldereinheiten anders verteilen. Ansonsten änderte sich wenig. Chemnitz war damals dank der Boulderlounge und dem OnSide bestens mit Kletteranlagen versorgt, Outdoor-Spots gibt es direkt vor der Haustür. Für uns war es also keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

Ein Kind hingegen rüttelt den Zeitplan ordentlich auf. Und gerade in den ersten Monaten kostet es eine Menge Energie, denn von durchgeschlafenen Nächten kann sich eine frischgebackene Familie in jedem Fall verabschieden. Selbst wenn man Zeit fürs Bouldern hätte, zieht die Couch stärker als die Wand, weil der Körper Ausgleich für den Schlafentzug fordert. Bei bouldernden Pärchen wie uns kommt dazu, dass sich gemeinsame Klettersessions kaum mehr realisieren lassen. Zumindest unsere Kleine weigerte sich, im Wagen zu schlafen, weshalb einer von uns beiden selbst bei gemeinsamen Hallenbesuchen den Kinderdienst übernehmen musste. Das Ergebnis: Hatten wir vor der Geburt unserer Tochter keine großen Probleme, zwei bis drei Trainingseinheiten in der Woche unterzubringen, ist heute ein Hallenbesuch das Ziel.

Die Angst vor dem Leistungsknick

Weil die Zeitproblematik abzusehen war, baute ich mir für das Heimtraining ein Griff-/Campusboard. Zumindest die Kraft sollte nicht zu sehr unter der veränderten Situation leiden. Tatsächlich ist das Board immer noch regelmäßig im Einsatz und hat mit dazu beigetragen, meinen Leistungsstand in den letzten Monaten nicht nur zu halten, sondern sogar zu verbessern. Als entscheidenden Faktor sehe ich allerdings, wie ich mein Training an der Wand auf die geringere Frequenz angepasst habe.

Um zu verstehen, warum ich die seltenen Hallenbesuche als wichtiger ansehe als das Fingertraining daheim, musst du dir bewusst machen, das schweres Bouldern niemals nur eine Kraftfrage ist. Mindestens ebenso wichtig ist es, das Kraftpotenzial auch effektiv an die Wand zu bringen. Dazu gehören Koordination und die mentale Fähigkeit, auch in fordernden Situationen weiterzumachen. Wer loslässt, wenn es unkomfortabel wird, weil das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlt, wird in schweren Bouldern scheitern. Eben diese Skills erarbeitet man sich am besten, wenn man sich immer wieder an schweren Kletterproblemen versucht. Reines Krafttraining kann deshalb, selbst wenn es kletterspezifisch ist, höchstens für kurze Zeit effektives Klettertraining sein.

Dieser Fakt hat sich in meinem Training zugegebenermaßen lange Zeit nicht widergespiegelt. Ich hatte eher den Anspruch, jeden Boulder eines neuen Sektors geklettert zu haben – von leicht zu schwer. Tatsächlich war es allerdings oft so, dass ich den wirklich anspruchsvollen Bouldern zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Keine Kraft, keine Zeit und beim nächsten Mal sind sie ja immer noch da – das waren die klassischen Ausreden. Weil beim nächsten Mal oft schon ein neuer Sektor mit neuen Bouldern wartete, wiederholte sich dieses Spiel Woche für Woche. Boulder, die mich tatsächlich an meine Grenzen bringen konnten, kamen mir deshalb nur selten unter die Finger.

Abschied von alten Gewohnheiten

Mit der Geburt meiner Tochter war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Hätte ich mich weiter auf Routen im unteren und mittleren Schwierigkeitsgrad konzentriert, wäre es in puncto Leistung langsam bergab gegangen. Deshalb und weil ich aus meinen Sessions das Maximum herausholen wollte, habe ich meinen Ansatz seit diesem Moment komplett geändert. Statt möglichst viele Boulder zu klettern, liegt mein Fokus seit mittlerweile anderthalb Jahren auf der Qualität. Oder anders gesagt: Leichte Boulder dienen heute nur noch der Erwärmung. Sobald sich mein Körper einsatzbereit anfühlt, lasse ich diese links liegen und konzentriere mich auf für mich anspruchsvolle Probleme.

Wer besser klettern will, muss sich aufs Wesentliche konzentrieren. Sei es der nächste Zug oder das Training effektiv zu gestalten – vor allem wenn Zeit ein limitierender Faktor ist.

Diese Umstellung zeigte schnell ihre Wirkung: Während ich vor der Geburt meiner Tochter in den meisten Sessions nicht mehr als zwei Boulder im Bereich zwischen 6B und 7B kletterte, stieg die Zahl schon in den ersten Wochen deutlich an. Im Herbst – kurz vor ihrem ersten Geburtstag – sammelte ich dann in meiner bis dato erfolgreichsten Trainingseinheit acht Boulder in diesem Schwierigkeitsbereich. Von meinem damaligen Ziel, alle Boulder der zweithöchsten Schwierigkeit der Halle zu klettern, trennten mich zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Probleme. Diese beinhalteten koordinative Dynos, was meine absolute Schwachstelle ist. Obwohl ich in den Jahren davor – aus heutiger Sicht – alle Zeit der Welt hatte, war ich vorher nie so weit gekommen. Eben weil ich alle Zeit der Welt hatte.

Warum Vollgas funktioniert und Übertraining keine Problem ist

Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, mit weniger Training stärker zu werden, eigentlich ist es aber keine Überraschung. Dass diese Strategie so gut aufgegangen ist, hat zwei Gründe: Weiter oben habe ich bereits erklärt, dass es eine Grundvoraussetzung fürs schwere Bouldern ist, dass man tatsächlich versucht, schwer zu bouldern. Mich hat das vor allem mental weitergebracht. Oft war es Respekt, der mich davon abgehalten hat, Boulder ernsthaft zu versuchen. Der Gedanke war: „Okay, ich verstehe, wie es geht, muss aber noch stärker werden, um es auch zu schaffen.“ Dank des neuen Trainingsfokus stellte ich aber schnell fest, dass diese Bedenken trügerisch waren. Zu merken, wie viel mehr eigentlich möglich ist, hat diesen Respekt mittlerweile schwinden lassen. Hilfreich war auch das Bewusstsein, nicht einfach zwei Tage später wiederkommen und es noch mal versuchen zu können. Dadurch war ich wesentlich motivierter, wirklich Gas zu geben.

Natürlich ist so eine intensive Bouldersession eine Herausforderung für den Körper. Bei meiner geringen Trainingsfrequenz muss sie das allerdings auch sein. Weil ich selten mehr als zwei Trainingsreize wöchentlich setzen kann, macht es Sinn, kurze, aber harte Einheiten durchzuführen. Dadurch vermindert sich die Wahrscheinlichkeit, in den verhältnismäßig langen Trainingspausen wieder abzubauen. Natürlich hat diese Herangehensweise auch Nachteile. Wer permanent am Limit bouldert, nimmt ein höheres Verletzungsrisiko in Kauf. Umso wichtiger ist es, konzentriert bei der Sache zu sein und sehr genau auf die Signale des Körpers zu achten.

Sorgen darum, ins Übertraining zu geraten, muss man sich allerdings nicht machen. Weil mein Alltag nur in selten hohe körperliche Belastung mit sich bringt, finde zumindest ich genug Erholung. Ausgenommen sind Wochen, in denen ich zwei Mal zum Boulderschrauben ausrücke. Dann kann es gut sein, dass mein normales Training hinten anstehen muss. Nicht weil Schrauben ein adäquater Ersatz wäre, sondern weil es körperlich enorm fordernd ist.

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