Boulderhallen-Etikette III: Beta-Spraying oder: Ich weiß etwas, was du nicht wissen willst

Ich muss zugeben, ich gehöre auch zu dieser Kategorie Kletterer: Wenn ich sehe, wie jemand mit einem Boulder kämpft und über längere Zeit keine passende Lösung findet, wächst in mir der Wunsch, hinzugehen und ein paar Tipps zu geben. Während ich dem Gefühl in der Vergangenheit häufiger nachgegeben habe, stehe ich dieser Angewohnheit mittlerweile etwas skeptischer gegenüber. Deshalb gehe ich heute sparsamer mit Beta-Informationen um – und du solltest es ähnlich halten.

Von vorschnellen Sendern und undankbaren Empfängern

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die jemanden daran hindern, ein Projekt zu knacken. Ein Fuß steht ungünstig, die Hüfte muss noch etwas weiter verschoben werden oder der Schlüsselzug wird falsch angegangen. Schon ein wenig Input kann dann den Unterschied machen und zwei Leuten ein Erfolgserlebnis verschaffen. Demjenigen, der sich bis dahin erfolglos an der Wand abgemüht hat, und auch dem anderen, der den entscheidenden Tipp liefern konnte. Zumindest könnte es in der Theorie so sein. In der Praxis ist Beta-Spraying, also das großzügige Verteilen von Lösungen für Kletterprobleme, längst nicht so gern gesehen.

Einer der häufigsten Gründe dafür ist ein Missverhältnis zwischen dem Wunsch, das eigene Wissen zu teilen, und dem Anspruch, selbst einen Weg durch das Bewegungslabyrinth zu finden. Oder anders gesagt: Der oder die mit den Infos Beglückte hatte möglicherweise kein Interesse daran, die Beta auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Für manche Kletterer ist die mentale Herausforderung, ein Bewegungsrätsel zu knacken, Teil dessen, was das Klettern und Bouldern so spannend macht. Wird der Lösungsweg verraten, schmälert man diesen Leuten den Spaß und das Erfolgserlebnis. Dafür erhält der Tippgeber verständlicherweise keinen Dank, sondern missmutige Blicke.

Betas und Hilfsangebote, die keine sind

Das wäre allerdings noch der bessere Fall und setzt voraus, dass die präsentierte Lösung auch tatsächlich als solche durchgehen kann, was längst nicht immer der Fall sein muss. Ein Klassiker des unwillkommenen und wenig nützlichen Beta-Sprayings ist der hochgewachsene Mann, der einer deutlich kleineren Frau eine Lösung vorgibt, die in erster Linie funktioniert, weil er 20 Zentimeter mehr Spannweite und eine gute Portion mehr Kraft hat. In dieser Situation kommt zur unwillkommenen Hilfestellung möglicherweise noch ein Willst-du-mich-verarschen-Aspekt dazu. Denn während sich der Beta-Sprayer – eventuell aus mangelnder Erfahrung – nicht darüber im Klaren ist, dass seine Lösung keine Lösung ist, sehen das die unfreiwillig „Beglückten“ oftmals sofort und halten den Hilfsversuch für Gepose. Das sorgt verständlicherweise für schlechte Stimmung und kann nicht einmal im Sinne derer sein, die das Beta-Spraying weniger als Schützenhilfe unter Sportlern denn als Möglichkeit sehen, Menschen (Frauen) kennenzulernen.

Bevor du also zum beliebten Satz: „Also ich hab das ja so gemacht“ ansetzt, solltest du dir drei Dinge durch den Kopf gehen lassen:

Bin ich überhaupt in der Lage, sinnvolle Ratschläge zu geben?

Die Antwort auf diese Frage hängt von der Situation ab. Übersieht der andere nur einen Tritt oder kommt nicht auf die Idee, die Hand ein kleines bisschen zu drehen, dann kann ein Tipp hilfreich sein. Anders sieht es aus, wenn die eigene Lösung vor allem von körperlichen Fertigkeiten abhängt. Überspringe ich die Schlüsselstelle mit Länge oder überwinde sie mit purem Krafteinsatz, wird das kleineren oder schwächeren Kletterern kaum helfen. In dem Fall halte ich wohl besser den Mund.

Was will ich erreichen?

Geht es tatsächlich darum, jemanden zu einem Erfolg zu verhelfen? Möchte ich ins Gespräch kommen? Oder nur zeigen, was ich drauf habe, um den anderen zu beeindrucken? Trifft letzteres zu, lass es lieber bleiben. Gepose braucht beim Klettern niemand. Statt Anerkennung wirst du irgendwann nur noch genervtes Kopfschütteln ernten. Ansatz 2 ist sicher legitim, du solltest dir aber die Frage stellen, ob unerwünschte Hilfestellung der beste Weg ist, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Und damit kommen wir direkt zum nächsten Punkt:

Ist meine Hilfe überhaupt gefragt?

Wenn deine Intention Hilfestellung oder Kontaktaufnahme ist, kommst du an dieser Frage nicht vorbei. Schließlich wird sich niemand über Tipps freuen, die man eigentlich nicht wollte. Und es gibt sicher elegantere Einstiege in ein Gespräch, als jemanden den Spaß am Knobeln zu verhageln. Wenn du es also nicht lassen kannst, frag wenigstens freundlich nach, ob du einen Tipp geben darfst. Ist der erwünscht, hast du einen unaufdringlichen Gesprächsstart hingelegt und kannst dein Wissen von der Leine lassen – obwohl es oftmals besser wäre, nicht einfach alles herauszuposaunen.

Gut gemeint ist bekanntlich nicht immer gut gemacht

Denn auch wenn deine Beta-Tipps praktisch umsetzbar und erwünscht sind, können sie auf lange Sicht problematisch werden. Jedes Mal, wenn ein Kletterer einen Boulder durch Hinweise von außen löst, wird der Lernprozess unterbrochen. Anstatt die eigenen Fehler zu reflektieren und so ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was funktioniert und was beim Klettern in die Sackgasse führt, verlässt man sich auf das Können der anderen. Im schlechtesten Fall kommt man so zwar die Wand hoch, lernt am Ende aber nichts.

Das ist kein hypothetisches Problem. Immer wieder sieht man Kletterer, die zwar hohe Grade bouldern können, aber erstaunliche Schwierigkeiten haben, eine Route zu lesen, selbst wenn sie weit unter ihren körperlichen Fähigkeiten liegt. Weil sie sich über Jahre auf die Ansagen ihrer Kletterpartner verlassen konnten, haben sie diese Fertigkeit nie entwickeln müssen. Deshalb kann schon das Ansagen eines übersehenen Tritts ein zweischneidiges Schwert sein, weil man dem Kletterenden die Chance zu lernen nimmt. Und sei es nur die simple Erkenntnis, dass man sich einen Boulder vor dem Flash genau ansehen sollte, anstatt einfach drauflos zu klettern.

…und wie es besser geht

Ein wenig anders sieht es bei typischen Technikfehlern aus. Hier kann ein guter Tipp durchaus einen Unterschied machen und einen Lernprozess in Gang setzen – sofern der- oder diejenige bereit ist, Empfehlungen anzunehmen. Werden Tritte zum Beispiel ständig auf dem Mittelfuß gestanden, kann der Hinweis, auf dem Vorderfuß zu stehen, einen großen Unterschied zu machen. Am besten erklärt man zudem, wo die Vorteile liegen. Manchmal kann es aber auch zielführender sein, Fehler zu provozieren. Als Trainer schicke ich notorische Fußtechnikverweigerer gern in Quergänge, wo Fußwechsel und die Notwendigkeit, den Schuh auf dem Tritt zu drehen, ganz allein zur Erkenntnis führen, dass es sich auf den Zehen besser steht. Anstatt alles vorzugeben, versuche ich eher, einen Lernprozess anzustoßen.

Das lässt sich auch auf das Knacken konkreter Kletterprobleme übertragen. Einfach die Lösung vorzugeben, nimmt dem Kletternden die Fehleranalyse ab. Weil das auf Dauer die Entwicklung behindert, macht es mehr Sinn zu versuchen, gemeinsam ein Verständnis dafür zu erarbeiten, warum man auf der Matte landet. Wenn jemand beispielsweise durch die offene Tür aus der Wand dreht, kann man gemeinsam analysieren, was da genau passiert. Im Idealfall kommt derjenige dann selbst auf die Idee, eine stabile Position zu suchen, findet so die Lösung des Problems und lernt gleichzeitig, mit einer häufig auftretenden Situation beim Klettern umzugehen. Etwas, das durch simples Beta-Spraying unter Vorgabe der richtigen Griff-Tritt-Kombination wohl nicht der Fall gewesen wäre.

Spoilere nicht und lass dich nicht spoilern!

Wenn du wirklich helfen willst, gibst du dich deshalb besser nicht damit zufrieden, Lösungen zu verraten, sondern unterstützt bei der Lösungsfindung. Das ist kniffliger und setzt ein gewisses Verständnis für die Bewegungen voraus. Auf der anderen Seite – bei den Beta-Empfängern – sollte der Anspruch ähnlich sein. Selbst wenn du gern Tipps entgegen nimmst, ist es besser, auf zu konkrete Ansagen zu verzichten. Willst du dich als Boulderer entwickeln, wäre es konsequent, Beta-Sprayer beim Vortanzen zu unterbrechen und darauf hinzuweisen, dass man gerne Hinweise annimmt, sofern diese nicht die komplette Sequenz verraten. Langfristig lernst du so eher, Routen selbst zu knacken und bist weniger von Ratschlägen anderer Kletterer abhängig.

Dieser Artikel ist Teil meiner Serie zur Boulderhallen-Etikette:

Boulderhallen-Etikette: Chalk? Mehr als nur ein Gimmick!
Boulderhallen-Etikette II: Die Schattenseiten des Chalks und wie du es richtig nutzt
Boulderhallen-Etikette III: Beta-Spraying oder: Ich weiß etwas, was du nicht wissen willst