Die neue Beliebtheit des Outdoor-Boulderns: Wie du Spots und dich selbst gesund hältst

Auch wenn sich der Frühling in 2021 von seiner nasskalten Seite gezeigt hat, steht eines außer Frage: Die Temperaturen steigen und die Outdoor-Klettersaison steht in den Startlöchern. 2021 könnte in diesem Bereich einen Rekord bereithalten. Weil die Kletterhallen aufgrund der Corona-Maßnahmen lange geschlossen waren, hat es viele Hallenkletterer erstmals oder häufiger nach draußen gezogen. Selbst eigentlich wenig frequentierte Spots sind mittlerweile gut besucht, was Probleme mit sich bringen kann. Deshalb ist es wichtig darüber zu reden, worauf es am Fels zu achten gilt, um die Gebiete vor Schaden zu bewahren. Aber auch, um Unfälle zu vermeiden, die auf Unerfahrenheit zurückzuführen sind. Denn deren Zahl könnte in der jetzigen Situation steigen.

Informiert euch über die Regeln im Gebiet

Draußen zu klettern, ist nicht das Gleiche wie in der Halle. Das ist ziemlich offensichtlich. Felsen haben keine bunten Griffe, es gibt keine riesige Matte am Boden und auch auf Umkleiden und Toiletten muss man verzichten. Weniger offensichtlich ist, dass auch Klettergebiet nicht gleich Klettergebiet und Fels nicht gleich Fels ist. Das alles sind Gründe, warum das Verhalten beim Draußenklettern sich vom Verhalten in der Halle unterscheiden muss. Wird das nicht berücksichtigt, kann die höhere Frequentierung von Felsgebieten schnell zum Problem werden. Neben der Sicherheit der Besucher, die später noch Thema sein soll, geht es dabei vor allem um den Erhalt der einzelnen Spots.

Felsneulingen ist möglicherweise nicht bewusst, dass das Klettern in freier Natur in den meisten Regionen keine Selbstverständlichkeit ist. Damit Klettergebiete erschlossen und für eine größere Besucherschaft freigegeben werden können, braucht es einiges an Arbeit. Es müssen nicht nur Routen vorbereitet werden, Teil des Prozesses ist es, das Gespräch mit Anwohnern, Besitzern und Behörden zu suchen. Nur so lassen sich Streitigkeiten vermeiden. Üblicherweise werden Verhaltensregeln aufgestellt, die dafür sorgen sollen, dass die Interessen aller Beteiligten gewahrt bleiben. Allerdings sitzen die Sportler als Bittsteller am kürzeren Hebel und haben das Nachsehen, wenn Teile der Klettercommunity die zuvor vereinbarten Regeln ignorieren.

Planst du das erste Mal einen Ausflug an den Fels, informiere dich deshalb genau darüber, was im jeweiligen Gebiet erlaubt ist und was nicht. Schon ein unachtsam geparktes Auto kann für Unmut sorgen. Die Palette möglicher Streitpunkte reicht aber noch weiter: Welche Wege zu den Felsen sind okay? Ist Chalk erlaubt? Gibt es saisonale oder witterungsbedingte Einschränkungen? Wo darf übernachtet werden? Solche Fragen klärst du am besten schon vor dem Besuch ab.

Draußen ist keine Boulderhalle!
Die Kampagne SaveBouldering setzt sich seit Jahren für bewussteres Verhalten, ein, damit Kletterspots trotz wachsender Besucherzahlen erhalten bleiben. (Bildquelle: https://savebouldering.eu/de/)

Zurückhaltung und Freundlichkeit vermeiden Ärger

Neben regionalen Besonderheiten gibt es auch eine Reihe von Benimmregeln, die allgemeingültig sind. Dazu gehört, dass Chalkspuren entfernt werden, kein Müll hinterlassen und kein Feuer angezündet wird. Der Leitsatz lautet „Leave no traces“. Am besten verlässt man den Spot, wie man ihn vorgefunden hat. Oder noch sauberer. In jedem Fall aber so, dass Unbeteiligte möglichst wenig Anstoß an der Anwesenheit der Kletterer nehmen können. Dazu gehört auch, während des Aufenthalts nicht unnötig negativ aufzufallen. Vorbeikommende werden freundlich begrüßt, Lärm wird vermieden. Die Playlist mit Motivationsliedern stellt da keine Ausnahme dar, und sei sie noch so gut. Wenn du Musik zum Klettern brauchst, pack sie dir mit Kopfhörern auf die Ohren.

Das mag alles streng wirken, ist aber nötig, um den Sport zu schützen. In vielen Gebieten sind Kletterer nur geduldet, Sperrungen sind jederzeit möglich. Dazu braucht es nicht einmal die Behörden. Immer wieder sind in der Vergangenheit verärgerte Eigentümer selbst aktiv geworden, haben Griffe gefettet oder abgeschlagen, Bauern haben Felsen mit Gülle besprüht und Sicherungshaken wurden entfernt, um Kletterer fernzuhalten. Oft geschieht das nicht aus heiterem Himmel, sondern ist die Folge von wiederholten Fehltritten der Community. Rücksichtsvolles Verhalten ist deshalb das A und O.

Geht nicht allein

Um Fehler zu vermeiden, kann es eine gute Idee sein, den ersten Ausflug an den Fels mit erfahrenen Leuten zu machen. Im Idealfall kennen diese sich mit den Regeln und möglichen Problemen aus. Und es gibt weitere Vorteile: Hast du jemanden dabei, der das Gebiet schon kennt, kannst du dir möglicherweise die lange Suche nach passenden Felsen und Linien sparen. Denn selbst mit einem Gebietsführer kann es manchmal schwierig sein, sich an den Spots zurechtzufinden.

Darüber hinaus zahlt sich die Erfahrung beim Thema Sicherheit aus. Wo in der Halle eine Weichbodenmatte den Sturzraum großzügig auspolstert, warten draußen nicht überall perfekte Landezonen. Dass Wurzeln und Steine den Boden übersäen, ist normal. In vielen Gebieten liegen sogar kleinere Blöcke unter den Blöcken, an denen geklettert wird. Um trotzdem sicher bouldern zu können, hilft es, beim Auslegen der Pads und beim Spotten zu wissen, worauf man achten muss.

Aber auch wenn es an Draußenkletterern in deinem Umfeld mangelt, ist es besser, keine Solotouren zu machen. Mit Partner wirst du am Fels besser performen, weil ihr euch gegenseitig motivieren und helfen könnt, gute Lösungen zu finden. Und ihr bietet euch Sicherheit, falls doch einmal etwas Unerwartetes passiert. Das muss nicht einmal ein unglücklicher Sturz sein. Um eine helfende Hand zu brauchen, genügt es schon, zu stolpern oder umzknicken, wenn man in verblocktem Gelände unterwegs ist.

Organisiert ausreichend Material

Zum Thema Sicherheit gehört natürlich auch die Frage nach der Ausrüstung. Beim Bouldern geht es dabei vor allem um die Anzahl der Crashpads. Mehr ist in diesem Fall grundsätzlich besser. Zu viele Pads wird man eher selten haben. Wer sich gerade erst ans Klettern am Fels wagt, wird sich aber eher fragen: Wie viele Pads müssen es mindestens sein? Schließlich ist die Anschaffung teuer und nicht klar, ob Ausflüge zum Fels eine einmalige Sache bleiben oder fester Bestandteil des Kletterlebens werden.

In Bleau ist der Boden zwischen den Blöcken in vielen Sektoren relativ eben. Gestandene Bleausards sind deshalb häufig nur mit Fußabstreifern unterwegs. In anderen Gebieten der Welt wäre das ein Garant für schmerzhafte Landungen.

Leider gibt es hier keine einfache, allgemeingültige Antwort. Es hängt sehr vom Gebiet ab, in dem du unterwegs sein willst. Während man beispielsweise in den Hauptsektoren in Fontainebleau über weitestgehend ebenem Sandboden klettert, sind Blockfelder wie die Silvretta in den Alpen das genaue Gegenteil. Hier wird nicht nur an, sondern oft auch über Blöcken gebouldert. Noch dazu geht es häufiger sehr hoch hinaus. Während man also in Bleau schon mit nur einem Pad Spaß haben kann, reicht das andernorts bestenfalls zum Sitzen aus.

Weißt du nicht so genau, was dich erwartet, solltest du einfach mit drei Pads planen, um auf der sicheren Seite zu sein. Das erlaubt es, die Landezone bei höheren Bouldern etwas großflächiger auszulegen, verblocktes Gelände einzuebnen oder lange Traversen zu klettern, ohne vorher entscheiden zu müssen, an welcher Stelle es ohne Pad gehen muss. Mehr Pads zu haben, schadet natürlich nie.

Arbeitet euch langsam vorwärts

Am Fels zu klettern braucht normalerweise etwas Eingewöhnung. Im Vergleich zur Halle sind die Tritte häufig kleiner, Griffe längst nicht immer dort, wo man sie sich wünschen würde und auch nicht immer ergonomisch. Viele Felsneulinge stellen außerdem fest, dass sich drei Meter drinnen und draußen deutlich anders anfühlen können – erst recht, wenn es unerwartet knifflig wird und man keinen Rettungshenkel in Reichweite hat.

Mein Tipp ist deshalb, beim ersten Besuch nicht aufs Ganze zu gehen. Statt der Begehungen würde ich den Erfahrungsgewinn ins Zentrum stellen. Soll heißen: Die Boulder erfolgreich zu klettern kommt erst an zweiter Stelle. Flashs von Bouldern – erst recht am persönlichen Leistungslimit – sollten überhaupt keine Priorität haben. So verhinderst du, in Situationen in zu kommen, die du noch nicht beherrschst. Cleverer ist es, sich an die Züge heranzutasten und lieber einmal mehr abzuspringen, um ein Gefühl für die Kletterei in der Natur zu bekommen.

Schaut euch die Top-Outs an

Sandstein ist ein großartiges Gestein, um daran zu klettern. Wenn er denn fest ist. Der Buntsandstein der Rabenschüssel, wo dieses Bild entstanden ist, bröselt gern mal unter den Fingern. Top-Outs zu putzen ist da Pflicht.

Besondere Beachtung würde ich dem Ausstieg schenken. Ausstiege brauchen Übung und manchmal – vor allem, wenn man es noch nicht gewohnt ist – gute Nerven. Mit dem Körper halb auf einem Block zu hängen, nicht mehr vor oder zurück zu kommen und hastig nach dem rettenden Griff zu suchen, kann bleibenden Eindruck hinterlassen. Ersparen kannst du dir diese Erfahrung, wenn du dir Top-Outs anschaust, bevor du den Boulder tatsächlich angehst. Das bringt gleich mehrere Vorteile mit sich: Du kannst vorab nach Griffen schauen, die Griffe von eventuell vorhandenem Laub und anderem Schmutz befreien und auschecken, wie du vom Block wieder herunterkommst. Denn auch der Abstieg kann spannend werden, wenn du nicht weißt, was dich erwartet.

Ein bisschen draußen: Vorbereitung in der Stadt

Obwohl es viel zu beachten gibt, hat das Klettern in der freien Natur einen ganz besonderen Reiz. Einmal ausprobiert zieht es die meisten in seinen Bann. Wenn du dir allerdings unsicher bist, ob der Wechsel vom Plastik an den Fels etwas für dich ist. Oder falls du Bedenken hast, mit der anspruchsvolleren Situation überfordert zu sein, kannst du zur Vorbereitung den Zwischenweg gehen: In vielen Städten gibt es Kunstfelskletteranlagen, an denen man sich einen ersten Vorgeschmack holen kann. Ein Besuch dort ist unter anderem geeignet, sich mit dem Spotten und dem Umgang mit Pads, aber auch dem Fehlen farbiger Griffe vertraut zu machen. Gleichzeitig werden Fehler hier eher verziehen, weil man im schlimmsten Fall im Kies landet. Für unsichere Einsteiger ist das ideal.

Teilweise werden diese Anlagen vom Alpenverein betrieben oder man findet sie in Parks und auf Spielplätzen. Im letzteren Fall sind sie so angelegt, dass sich auch unerfahrene Kletterer problemlos ausprobieren können. Informationen darüber zu finden, ob es etwas Derartiges gibt, ist hingegen manchmal schwierig. Manchmal weiß die lokale Community hier besser Bescheid als eine Suchmaschine. Das trifft vor allem Spielplatzboulder zu. Einige dieser Anlagen haben sich aber auch zu festen Treffpunkten der Szene entwickelt, für die es sogar eigene Topos gibt.