Die offene Tür: Was tun, wenn der Körper aus der Wand kippt?

Jeder Kletterer kennt diese Situation: Man hat sich mühselig in eine Position vorgearbeitet und plötzlich das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Anstatt bequem zum nächsten Griff ziehen zu können, lässt sich die Hand partout nicht lösen. Der Versuch – das verrät schon das wackelige Gefühl – würde mit dem Herausdrehen aus der Wand quittiert werden. Dieses Phänomen ist auch als offene Tür bekannt und resultiert aus einer ungünstigen Kombination aus Griffen, Tritten und dem Körperschwerpunkt. Es gibt jedoch Wege, mit diesem Problem fertig zu werden.

Was die offene Tür ist

Die offene Tür kommt in allen Schwierigkeitsgraden vor. ‘Riskant’ wird es, wenn sämtliche Tritte und Griffe, die während des Weiterziehens genutzt werden, in etwa auf einer Linie liegen. Verläuft die Linie mehr oder minder senkrecht, fungiert sie wie eine Drehachse. Resultat ist, dass man sich nur solange stabil halten kann, wie keine Hand und kein Fuß gelöst wird. Andernfalls droht der Körper aus der Wand zu kippen und an den verbleibenden Punkten zu pendeln – sofern man es schafft, sich überhaupt noch zu halten. Dem Umstand, dass dieses Aufdrehen an das Schwingen einer Tür in den Angeln erinnert, verdankt das Problem seinen Namen.

Wo und wann sie vorkommt

Manchmal ergibt sich die offene Tür in einer Route zwingend, in anderen Situationen liegt es daran, dass man sich verklettert hat. Besonders häufig tritt die offene Tür bei Positionierungsfehlern im Überhang auf. Liegen alle Kontaktpunkte hier auf einer Linie, hat die Schwerkraft leichtes Spiel und zieht uns aus der Wand. Ein wenig anders sieht es aus, wenn wir an der geraden Wand in eine Position mit Hang zur offenen Tür klettern. Dann können Balance und Körperspannung helfen, trotz der wackeligen Position Stabilität zu gewinnen. Es genügen aber schon kleine Bewegungsfehler, um das fragile Gleichgewicht zu stören und die Tür aufgehen zu lassen.

Weil der Körper auf Platten von der Schwerkraft in die Wand gezogen wird, ist die offene Tür dort nur in Ausnahmefällen ein Problem: dann, wenn der Körperschwerpunkt auf der einen Seite eines Tritts und der gehaltene Griff auf der anderen Seite liegt (siehe oben). Je weiter der Griff dabei vom Körper entfernt ist, desto größer wird auch das Risiko, aus der Wand zu kippen. Eine solche Position wäre natürlich auch an der Geraden oder im Überhang ein Problem.

Wie man sie kontern kann

Wie bereits erwähnt, geht die Tür auf, wenn du nur noch mit einem Griff und einem Tritt Wandkontakt hast. Folglich solltest du versuchen, ein neues Gleichgewicht zu finden, bevor du deine Hand oder deinen Fuß vom stabilisierenden dritten Kontaktpunkt löst. Dabei muss dein Ersatzkontaktpunkt so gelegen sein, dass du den durch das Aufdrehen des Körpers aufkommenden Schwung abstoppen kannst, bevor er dich aus der Wand zieht. Typischerweise wird das erreicht, indem man sich entweder mit einer Hand oder einem Fuß gegen die Wand stützt und diese so als Stopper nutzt, der auf der anderen Seite der Drehachse liegt.

Hand- oder Fußwechsel

Schwierig ist das, wenn die während des Zugs verbleibenden Kontaktpunkte zur gleichen Körperhälfte gehören, also die linke Hand und der linke Fuß oder die rechte Hand und der rechte Fuß halten beziehungsweise stehen. Die erste Maßnahme, um die offene Tür auszukontern, wäre dann ein Fuß- oder Handwechsel. Einerseits bringt bereits die neue Verteilung der Kontaktpunkte über die Körperdiagonale mehr Stabilität, andererseits kann die frei gewordene Hand oder der frei gewordene Fuß zum Abbremsen der Drehbewegung verwendet werden. Dazu legt man den Fuß oder die Hand gegen die Wand und kontert die Tür so aus.

Vorder- oder Hinterscheren

Klappt ein Wechsel nicht, weil dieser direkt im Herausdrehen resultiert, kannst du es mit dem Hinter- oder Vorderscheren des Beins versuchen. Um mehr Stabilität zu erhalten, löst du den Fuß, der sich nicht auf der Drehachse befindet und führst das Bein vor (vorderscheren) oder hinter (hinterscheren) dem anderen Bein durch. Der Fuß wird anschließend an die Wand gelegt. Dadurch geschehen zwei Dinge: Zum einen wird der Körperschwerpunkt in Richtung der Drehachse verlagert, was den Schwung beim Aufgehen der Tür verringert. Zum anderen dient der gegen die Wand gelehnte Fuß als Stopper, der die Drehung bremst oder komplett verhindert.

Hooken statt stehen

Eine Alternative zum Scheren wäre es, einen dritten Kontaktpunkt zu suchen, der gegen die Tür arbeiten kann und es trotzdem erlaubt, die für den nächsten Zug nötigen Bewegungen zu machen. Folglich muss ein Fuß stabilisierend arbeiten, wenn die Handpositionen geändert werden müssen – typischerweise durch Toe- oder Heel-Hooks – oder ein Zwischengriff gehalten werden, um Fußarbeit zu erlauben. Welche Lösung am besten funktioniert, hängt natürlich vom jeweiligen Boulder ab.

Kanten-Boulder: die offene Tür als reizvolles Kletterproblem

Eine kleine Ausnahme davon können Kantenboulder sein, bei denen es abseits der Kante weit und breit keine Griff- und Trittmöglichkeiten gibt. Weil man sich hier mit jedem Zug an einer Drehachse entlang bewegt, kämpft man permanent mit der offenen Tür. Kontern kann man sie dann nur mit Balance, Spannung und kontrollierten, ruhigen Bewegungen, die sicherstellen, dass man nah an der Wand bleibt. Gerade letzteres ist hier der Schlüssel zum Erfolg und hilft auch in anderen Tür-Problemen, eine Menge Kraft zu sparen. Denn solange man das Aufdrehen komplett verhindert, spart man sich die Mühe, gegenzuhalten und den Schwung abzufangen. Weil schon Feinheiten über Erfolg oder Sturz entscheiden, können Boulder- und Kletterrouten an Kanten eine unheimlich technische Herausforderung sein, die hohe Konzentration und eine gewisse Frusttoleranz verlangen. Genau das macht sie für manche besonders interessant.