Als Fortgeschrittener besser klettern: der Faktor Kraft

In Gesprächen mit Kletterern, die nach den schnellen Erfolgen der Anfangsphase zum ersten Mal erleben, dass es nicht immer so zügig vorangehen wird, taucht mit schöner Regelmäßigkeit eine Frage auf: Wie werde ich stärker? Vor allem den lieben Fingern möchte man gern etwas Gutes tun, um leichter mit den immer schlechter werdenden Griffen zurechtzukommen. An denen kann man sich ja aus Kraftmangel nicht mehr halten und landet deshalb immer häufiger auf der Matte. Leider ist die Realität meistens ein klein wenig komplizierter.

Mehr Kraft? – Ja, aber…

Denn was mir beinahe ebenso häufig auffällt, wie ich solche Gespräche führe, ist, dass die Selbsteinschätzung des jeweiligen Kletterers an der Realität vorbeigeht. Schaut man sich den Kletterstil an, fallen oft genug andere Baustellen auf, die in besagten Bouldern zum Scheitern führen. Ohne zu übertreiben: Wenn ich meine Füße nur hinter mir herziehe, bei jedem schlechteren Tritt drei Mal den Halt verliere und dazu noch so gut wie keine Kontrolle über meine Hüfte habe, dann ist mangelnde Fingerkraft mein kleinstes Problem.

Ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal erläutern, warum gute Technik wichtiger als Kraft ist, mir geht es in diesem Artikel eher um falsche Prioritäten. Also den Umstand, dass viele von uns (da nehme ich mein jüngeres Ich nicht aus) sich vor allem darauf konzentrieren, wie sie stark werden können, nicht darauf, wie sie gut werden. Das zeigt sich schon in der Fragestellung: In den meisten Fällen heißt es nicht: „Wie werde ich besser?“, sondern: „Wie werde ich stärker?“ Die Stoßrichtung ist damit schon vorgegeben. Selbst die Abrufzahlen meiner Youtube-Videos sind ein Beleg dafür. Das mit Abstand erfolgreichste Video auf meinen Kanal bisher ist die Vorstellung meines 10-Minuten-Programms. Dieses Video hat binnen weniger Wochen mehr als zehn Mal so viele Aufrufe bekommen, wie die meisten anderen Tutorials. Ähnlich sieht es bei den damit gewonnen Abonnenten aus. In welche Richtung das Interesse bei vielen geht, ist also eindeutig.

Bouldering Bobat trainiert mit Magnus Midbø: Ein Lehrstück zum Thema Kraft

Dabei führt die Konzentration auf Kraft allein in eine Sackgasse. Aus einem schlechten Kletterer wird durch Krafttraining kein guter Kletterer, sondern ein schlechter Kletterer mit viel Kraft. Wer mir das nicht glauben möchte, kann sich ein aktuelles Video des Youtube-Channels Bouldering Bobat anschauen. Die Jungs (von denen keiner ein schlechter Kletterer ist) waren kürzlich zu Gast bei Magnus Midbø (der ganz offensichtlich kein schlechter Kletterer ist) und haben dort gemeinsam ein „Power-Workout“ absolviert. Mit dabei: einfingrige Klimmzüge an einem Arm, Hangwaage, Muscle-ups, einarmiges Blockieren und Dips mit Zusatzgewicht. Allesamt Übungen, von denen manch einer glauben mag, sie zu beherrschen, wäre nötig, um schwer zu klettern.

Mit Ausnahme von Tom schlugen sich die Bobat-Jungs dabei auch wirklich gut. Für ihn war diese reine Kraftveranstaltung offensichtlich nichts. Sogar ich war etwas überrascht davon, wie schwer er es damit hatte. Allerdings: An der Wand sieht es ein wenig anders aus. Die Jungs selbst bestätigten, dass Tom wohl der erfolgreichste Kletterer in der Crew ist, auch wenn er offensichtlich nicht der körperlich stärkste ist. Magnus Midbø mutmaßte sogar, selbst ein Ausnahmeathlet wie Adam Ondra würde bei den Übungen nicht viel besser abschneiden als die Crew.

Gute Kletterer sind effiziente Kletterer

Was ist es also, was Tom trotz seiner „schwächeren“ Basis zum besseren Kletterer macht? Die Antwort ist relativ einfach: Am Ende zählt nicht so sehr, wie viel Kraft man hat, sondern wie effizient man mit dem vorhandenen Potenzial umgehen kann. Nimmt man zwei Kletterer mit gleichen körperlichen Voraussetzungen, wird immer derjenige besser sein, der den effizienteren Stil hat. Und selbst wenn der andere seine Kraft auftrainiert, wird er immer nur einen Teil des vorhandenen Potenzials nutzen können. Der bessere Weg wäre also, sich darauf zu konzentrieren, nicht nur stark, sondern vor allem gut zu werden.

Davon, dass die Profis in ihren Social-Media-Beiträgen vor allem das harte körperliche Training präsentieren, darf man sich nicht in die Irre führen lassen. Denn diese Sportler sind nicht nur körperlich fit, sie sind auch technisch und mental absolute Spitzenklasse. Diesen Punkt sollte man gerade als Fortgeschrittener nicht vergessen und ehrlich mit sich selbst sein: Klettere ich technisch sauber? Und bin ich in der Lage, Ängste zurückzudrängen und auch beim Klettern am Limit einen kühlen Kopf zu bewahren? Erst wenn ich diese Fragen mit gutem Gewissen bejahen kann, lohnt es sich dem Faktor Kraft im Training einen Großteil der Aufmerksamkeit zu schenken. Und auch dann muss die Übungsauswahl zu den eigenen Schwächen passen. Wer mit der Körperspannung zu kämpfen hat, zieht keinen Gewinn aus dem Training am Griffbrett. Wer bei der Fingerkraft hinterher hängt, hat wenig davon, einarmige Klimmzüge herauszupumpen. Muss man die Fragen noch verneinen, darf und sollte das Krafttraining (inbesondere zur Verletzungsprävention) zwar Teil des Trainings sein, der Hauptaugenmerk muss aber auf den größeren Baustellen liegen.