Boulder lesen lernen: Der Plan im Kopf

Routen lesen bouldernWenn man eine Weile bouldert, wächst für gewöhnlich der Ehrgeiz. Es genügt dann nicht mehr, neue Routen, die im Bereich der persönlichen Möglichkeiten liegen, nach mehreren Versuchen zu lösen, man möchte sie am liebsten auf Anhieb schaffen. Ob das gelingt, ist von verschiedensten Faktoren abhängig, auf die man mehr oder weniger Einfluss hat. Auf einen Punkt kommt es aber in jedem Fall an: Man braucht den richtigen Plan.

Wer mitdenkt, wird schneller besser

Als Neuling geht man an die Wand, ohne sich große Gedanken darüber zu machen, was da auf einen wartet. Entweder ist der Boulder leicht genug, um ihn auch ohne vorheriges Tüfteln zu schaffen, oder man wird vor ein unerwartetes Problem gestellt und beginnt an den Griffen hängend herumzuprobieren, bis es klappt oder nichts mehr geht. In den ersten Wochen, vielleicht sogar Monaten, ist das der Normalfall und steht den eigenen Fortschritten nicht zwingend im Weg. Die Priorität liegt in dieser Zeit darauf, die grundlegenden Bewegungen kennenzulernen. Planen kann man schließlich erst, wenn man überhaupt eine Idee davon hat, was man tut.

Mit zunehmender Routine sollte man sich allerdings von der Gewohnheit verabschieden, in neue Boulder einfach einzusteigen und über deren Schlüsselstellen erst nachzudenken, wenn man mittendrin hängt. Richtig ist, sich einen Schlachtplan zurechtzulegen, bevor die Füße den Boden verlassen, um zumindest eine grobe Idee davon zu haben, wie man die nächsten Bewegungen löst. Diese Vorbereitung kann in drei aufeinander aufbauende Phasen unterteilt werden.

Phase 1: Griffe und Tritte finden und einprägen

Der erste und einfachste Schritt ist, sich den Boulder vom Start- bis zum Top-Griff ganz genau anzuschauen und die Frage zu klären, wo sich die Griffe und – eigentlich noch wichtiger – die Tritte befinden. Zusätzlich sollte man darauf achten, ob diese immer gut zu sehen sind oder beim Klettern möglicherweise von anderen Elementen verdeckt werden. Dadurch gewinnt man eine erste Vorstellung davon, wie die Linie verläuft. Klingt banal, kann aber tatsächlich wichtig werden. Dass Flashs (so die Bezeichnung für den ersten Versuch im Klettersprech) scheitern, liegt nicht selten daran, dass man nicht weiß, wo es weitergeht. In der Halle kommt erschwerend dazu, dass Tritte nach einiger Zeit durch den Gummiabrieb auf der Oberseite schwarz werden und beim Klettern schlechter zu erkennen sind. Dann zu wissen, dass da links oder rechts noch etwas sein sollte, kann enorm helfen, den nächsten zu finden.

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Bewegungssequenzen schon vor dem Einstieg in einen Boulder zu erkennen, gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, um besser zu klettern.

Phase 2: Optimale Hand- und Fußpositionen erkennen

Während die einfache Besichtigung auch blutigen Anfängern helfen kann, braucht der nächste Schritt schon etwas mehr Erfahrung. Man wirft einen genaueren Blick auf die Griffe und Tritte und versucht so herauszufinden, wie diese sich am besten belasten lassen. Ob ein Henkel oder eine Leiste zur einen oder anderen Seite geneigt ist, macht für die Bewegungen einen großen Unterschied. Achtet man zusätzlich darauf, wo die Griffe schmaler/breiter/abschüssiger/hinterschnitten sind, bekommt man eine Idee davon, an welchen Stellen die Finger am ehesten Halt finden, anstatt die Grifffläche beim Durchstiegsversuch erst kraftraubend abtasten zu müssen. Das Gleiche gilt auch für die Tritte, wenn diese kleiner und strukturloser werden.

Phase 3: Bewegungen vorhersehen

Der letzte Schritt der Planung ist, den Boulder im Kopf zu klettern. Viele Kletterer gehen die Linie dabei aktiv Zug um Zug auf der Matte durch. Was ein wenig an Ausdruckstanz erinnert, vermittelt schon vor dem Start ein Gefühl dafür, welche Bewegungen nötig sind. Das hilft, diese später an der Wand auch tatsächlich ausführen zu können.

Um wirklich die richtigen Sequenzen zu finden, braucht es natürlich einiges an Erfahrung, weshalb man als Anfänger häufiger daneben liegen wird und improvisieren muss. Davon darf man sich jedoch nicht entmutigen lassen, weil es eben diese Fehler und das anschließende Knobeln an Lösungen sind, die ein besseres Verständnis dafür geben, welche Kniffe wann am besten funktionieren. Das so erlangte Wissen lässt sich später auf andere Boulder übertragen. Setzt man beim Klettern frühzeitig auch die grauen Zellen ein, wird man deshalb deutlich schneller Fortschritte erzielen als diejenigen, die das Planen noch nicht für sich entdeckt haben.