Boulder-Cups: Strategien für den offenen Wettkampf

Boulder-Wettkampf Taktik StrategienDer Sommer kommt näher und damit endet langsam die Saison für offene Boulderwettkämpfe. Abgesehen von ein paar kleineren Veranstaltungen tut sich in den wärmeren Monaten so gut wie nichts. Zeit also, um sich auf die kommende Saison vorzubereiten – physisch und taktisch. Meine persönliche Bilanz des vergangenen Herbsts und Winters ist recht positiv, auch wenn die Ergebnisse nicht immer optimal waren. Dafür habe ich bei den insgesamt fünf Teilnahmen einiges dazu lernen können, was die richtige Herangehensweise angeht. Für Boulderer, die sich von vornherein von ihrer leistungsfähigsten Seite zeigen wollen, habe ich deshalb einige Tipps für den Wettkampf zusammengestellt.

Die Herangehensweise an den Bewertungsmodus anpassen

Der erste Punkt ist erstaunlich banal und gleichzeitig enorm wichtig. Warum? Weil nicht jeder Boulderwettkampf nach dem gleichen Modus bewertet wird und deshalb verschiedene Strategien nötig werden. Möglich ist beispielsweise, dass nur die 10 schwersten geschafften Begehungen gezählt werden, das Boulder eine feste oder variable Punktzahl besitzen oder neben Tops auch das Erreichen eines vorher festgelegten Zwischengriffs (der Zone) gewertet wird.

Darauf muss man reagieren und die Vorgehensweise anpassen. Zählen beispielsweise die 10 schwersten Boulder, macht eine relativ kurze Erwärmung Sinn, bei der man sich leichtere Probleme vornimmt und zügig zu schwieriger klassifizierten Bouldern übergeht. Anders ist es beim 1.000er-System, bei dem jeder Boulder theoretisch 1.000 Punkte wert ist, die durch die Gesamtzahl der Begehungen geteilt werden. Hier gilt es, so viele Probleme wie möglich abzuhaken. Am Ende sind es oft nur wenige Punkte, die die Spitzenplätze voneinander trennen. Da macht es Sinn, auch den leichtesten Boulder anzugehen. Sind die Punkte vorher festgelegt, muss man ebenfalls mitnehmen, was nur möglich ist. Wettkämpfe, in denen auch Zwischengriffe gezählt werden, sind in dieser Hinsicht eine dankbare Angelegenheit. Hier lohnt es sich, auf Zonen-Jagd zu gehen, da es dabei auch dann noch Punkte zu holen gibt, wenn die Kraft für eine vollständige Begehung nicht (mehr) ausreicht.

Manchmal wird das Bewertungssystem auf dem Laufzettel erklärt, den man zu Beginn der Veranstaltung erhält. Ist dem nicht so, fragt man besser noch mal nach.
Manchmal wird das Bewertungssystem auf dem Laufzettel erklärt, den man zu Beginn der Veranstaltung erhält. Ist dem nicht so, fragt man besser noch mal nach.

Für einen guten Start sorgen

Mich persönlich machen Wettkämpfe ein wenig nervös, was für die Leistung nicht gerade förderlich ist, weil ich zu Beginn immer etwas unsicher unterwegs bin. Das legt sich, wenn die ersten paar Boulder geschafft sind. Und die sollten dann auch klappen, weshalb ich mir zum Start immer Routen aussuche, die mir von den Bewegungen her liegen. Einen meiner schlechtesten Wettkämpfe habe ich abgeliefert, als ich mich einmal nicht an diese Regel gehalten habe und schon die ersten zwei Boulder erst nach mehreren Versuchen klettern konnte. Das hat am Selbstvertrauen gekratzt, mir die Stimmung versaut und die nötige Ruhe genommen. Die besten Ergebnisse wiederum konnte ich immer dann abliefern, wenn ich die ersten Routen geflasht habe und dadurch in ein echtes Stimmungshoch versetzt wurde.

Praktisch außerdem: Ein Kaugummi hilft, Spannung abzubauen. Bei mir ist deshalb immer ein Päckchen in der Tasche.

Kräfte einteilen

Bewegungsboulder und Platten sind eine gute Alternative zu Brechern im Dach.
Bewegungsboulder und Platten sind eine gute Alternative zu Brechern im Dach.

Eigentlich logisch: Wenn man einen mehrstündigen Wettkampf im Bouldern erfolgreich bestreiten will, muss man mit den vorhandenen Kraftreserven haushalten. Dazu zählt, dass man sich immer wieder ein paar Minuten Zeit nimmt, um die Hände auszuschütteln. Da bei vielen offenen Wettkämpfen ohnehin mehrere Starter an einem Problem werkeln, ergibt sich das meist ganz von selbst. Man kann allerdings auch aktiv etwas zur Schonung der Reserven tun. Ich versuche beispielsweise, die Reihenfolge der Probleme abwechslungsreich zu gestalten. Nach einem harten Dachboulder direkt in den nächsten harten Dachboulder einzusteigen, ist kraftraubend und wenig Erfolg versprechend. Sind die Arme müde, nehme ich mir erst einmal eine Platte vor. Habe ich die Finger mit kleinen Leisten gequält, sind Henkel und Sloper im Anschluss eine Wohltat für die Kapseln, Sehnen und Bänder.

Projektieren? Nicht im Wettkampf!

Zum Thema Haushalten passt auch das Gebot, im Boulder-Wettkampf nicht zu projektieren. Vergangenen Herbst habe ich mich an einem Problem festgebissen, das viele Punkte versprochen hat und gleichzeitig machbar wirkte. Tatsächlich bin ich mit jedem Versuch ein Stück weitergekommen, abschließen konnte ich die Geschichte am Ende trotzdem nicht. Die Punkte musste ich also in den Wind schreiben, während die zahlreichen Versuche, die ich über einen Zeitraum von gut einer Stunde investiert hatte, viel Kraft gekostet haben. So genial ich die geforderten Bewegungen bis heute finde, für den weiteren Wettkampf war das Gift. Meine Konsequenz daraus: Mehr als 5 Versuche am Stück gibt es nicht mehr. Wenn ich einen Boulder in diesem Zeitraum nicht toppen kann oder wenigstens weiß, dass ein weiterer Versuch genügen wird, dann geht es erst einmal zum nächsten Problem. Wenn die machbaren Boulder abgehakt sind, kann man immer noch wiederkommen und weitere Versuche investieren. Manchmal klappt es dann schon im nächsten Anlauf.

Zuschauen und lernen

Ebenfalls wichtig: Der erste an einem Boulder zu sein, ist nur dann gut, wenn man das Problem ohnehin ohne Weiteres klettern kann. Ansonsten ist es deutlich effizienter, sich erst einmal anzuschauen, was andere machen, um zu sehen, was klappt und was in die Sackgasse führt. Eventuell tauscht man sich noch über die Griffe und Bewegungen aus und kann so von vornherein Fehler vermeiden. Zu wissen, ob ein Griff beispielsweise eher links oder rechts gehalten werden muss, kann beim Flashversuch ausschlaggebend sein. Anderen nicht zuzusehen und stattdessen ohne Vorwissen in einen harten Boulder einzusteigen, ist deshalb alles andere als clever.

Sich im Wettkampf von anderen inspirieren zu lassen, ist keine Schande.
Sich im Wettkampf von anderen inspirieren zu lassen, ist keine Schande.

Kenne deinen Charakter!

So hilfreich andere Starter sind, so groß kann ihr Einfluss auf die eigene Performance sein. Wer es genießt, viele Leute im Rücken zu haben und dadurch angespornt wird, alles zu geben, sollte das Publikum im Wettkampf suchen. Ich persönlich brauche etwas mehr Ruhe, um mich voll auf das vor mir liegende Problem zu konzentrieren. Meine Taktik ist also, eher Boulder auszusuchen, bei denen gerade weniger Andrang herrscht.

Welche Variante im jeweiligen Fall die bessere ist, findet man spätestens beim ersten Wettkampf heraus und sollte sich darauf einstellen. Das gilt auch für die Frage, ob man mit Freunden von Boulder zu Boulder zieht oder lieber sein eigenes Ding macht. Für mich funktioniert letzteres besser, während Bekannte von mir bei jedem Wettkampf noch untereinander im Wettbewerb stehen, was sie zusätzlich antreibt. Beides sollte man einmal probiert haben.

Futter nicht vergessen

Die Energie einzuteilen ist das eine, die Speicher in einem mehrstündigen Wettkampf wieder aufzufüllen das andere. Mir passiert es im Eifer des Gefechts schnell, dass ich vergesse, zwischendurch zu essen und zu trinken. Das rächt sich. Sind die Speicher irgendwann leer, kommt unweigerlich ein Tief. Ist dieser Punkt erreicht, muss man etwas zu sich nehmen, kann sich dann aber auch auf eine längere Pause einstellen, bis die Lebensmittel ihre Wirkung zeigen. Um das zu vermeiden, zwinge ich mich während des Wettkampfs immer wieder, eine Kleinigkeit zu essen. Das kann Obst oder etwas Süßes sein – in jedem Fall Lebensmittel, die leicht verdaulich sind und den Körper nicht zusätzlich belasten.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann darüber hinaus bereits beim Frühstück vorsorgen. Eine Schüssel mit Haferflocken, Milch und etwas Schokopulver ist der ideale Langzeitenergiespender. Haferflocken enthalten Mehrfachzucker, die vom Körper über längere Zeit aufgespalten werden müssen, wodurch sie anders als beispielsweise Süßigkeiten über mehrere Stunden Energie liefern. Gleichzeitig sorgt die recht hohe Kalorienzahl dafür, dass man sich nicht vollstopfen muss. Man ist also quasi umgehend einsatzbereit und bleibt es auch für eine Weile.