Kurz oder lang? Die idealen Voraussetzungen fürs Bouldern

Dafür, einen Boulder nicht zu schaffen, kann man vortrefflich Erklärungen finden. Die Arme sind zu kurz, der Griff zu klein oder das Problem zu kompakt geschraubt, wodurch die langen Beine zum Hindernis werden. Außerdem sind die Einzelzüge viel zu weit. Alles gern genannte Gründe, warum ein Boulder nicht klappen kann, obwohl man ihn ja angeblich schaffen will. Stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich so zwingend sind, wie man meint – und wie der perfekte Boulderer eigentlich aussieht?

Der Körper ist nur das Fundament, auf das wir bauen

Klar: Der eigene Körperbau hat einen Einfluss darauf, wie einfach oder schwer uns ein spezifischer Boulder fällt. Ein offensichtliches Beispiel dafür sind Routen, in denen Griffe und Tritte sehr weit entfernt oder sehr nah beieinanderliegen. Im ersten Fall haben größere Menschen klare Vorteile, weil es ihnen leicht fällt, die Griffe zu erreichen. Kurze müssen sich dafür sehr strecken oder sogar springen. Im zweiten Fall fluchen die Langen, weil sich beim hohen Antreten das Gesäß nach hinten schiebt und es dadurch schwerer wird, die Griffe zu halten. Scheitert man dann, ist ein „ich kann das nicht, weil…“ schnell gesagt. Gut begründen lässt sich diese Einstellung dann auch.

Es wäre aber ein Fehler, sich darauf auszuruhen, dass der eigene Körperbau einen Boulder unmöglich macht. Tatsächlich ist es nämlich vielmehr die mangelnde Fähigkeit, mit den eigenen Defiziten umzugehen, die uns in die Schranken weist. Häufig ist es eine Frage der richtigen Technik. Große Boulderer können sich in engen Routen beispielsweise mit dem Eindrehen des Körpers helfen, während kleine Sportler die fehlende Länge durch Dynamik ausgleichen. Manchmal macht schon eine leicht veränderte Handposition den Unterschied. Deshalb sollte man sich keinesfalls abschrecken lassen, wenn ein Problem sich einmal unlösbar anfühlt.

Groß, klein? – Völlig wurscht…

Dass der Körperbau keine übermäßig große Rolle spielt, beweisen auch die Athleten des Profilagers. Die derzeit wohl erfolgreichsten zwei Boulderer Deutschlands sind Jan Hojer und Juliane Wurm. Hojer ist mit 1,87 ein echter Hüne unter den Spitzenkletterern. In der diesjährigen Weltcup-Serie war er nach eigener Aussage sogar der einzige männliche Teilnehmer überhaupt, der es auf eine Länge jenseits der 1,80 gebracht hat. Groß zu sein, ist also eher hinderlich als hilfreich. Jule Wurm ist das ganze Gegenteil. Sie ist gerade einmal 1,60 groß und damit kleiner als die meisten Konkurrentinnen. Trotzdem hat sie sich den Weltmeistertitel sichern können. Ein an die eigenen körperlichen Voraussetzungen angepasster Stil macht es möglich. Bei Hojer sind vor allem Kraft und Flexibilität die Eigenschaften, die ihn nach oben bringen, während Wurm eine beachtliche Dynamik an den Tag legt, die viele ihrer Kolleginnen nur staunen lässt.

Zu fragen, warum ein Problem so schwer fällt, ist also zu kurz gefasst. Man muss auch herausfinden, wie man mit dem Defizit fertig wird. Hat man das erst einmal geschafft, erübrigt sich die Frage nach dem idealen Körperbau. Einen anderen bekommt man ohnehin nicht.

Wie sieht der perfekte Kletterer nun aus?

Wer es aus reiner Neugier wissen will: Gute Voraussetzungen haben Menschen, die etwa 1,70 groß sind, wenig Speck mit sich herumtragen, lange Arme und relativ kurze kräftige Finger haben. Beweglichkeit und ein guter Gleichgewichtssinn sind ebenfalls von Vorteil. Genauso wie die richtige Einstellung. Die ist vielleicht sogar am wichtigsten, da man offensichtlich auch Profi werden kann, wenn man nicht in dieses Schema passt.