Risiko Leistenkletterei: Wer stellt, der hält?

Griffarten sind ein Thema, bei dem sich regelmäßig die Geister scheiden. Wo der eine den Sloper zum Nonplusultra erklärt, geht dem anderen nichts über eine gute Leiste. Und wenn es dann einmal zu Diskussionen zwischen den beiden „Lagern“ kommt, fällt vonseiten der Leistenfans häufig der Satz: „Wer stellt, der hält“. Gemeint ist damit das Aufstellen der Finger, im Englischen auch als Full Crimp bezeichnet. Und tatsächlich macht es diese Technik leichter, selbst schlechte Leisten zu halten. Der Vorteil hat allerdings seinen Preis.

Wie der aufgestellte Griff aussieht

Das Aufstellen der Finger ist eine der einfachsten Techniken beim Klettern und Bouldern. Dabei werden die Finger beim Greifen nicht einfach nur auf den Griff aufgelegt, sondern über 90 Grad gebeugt. Gleichzeitig wandert der Daumen, dem an Leisten sonst häufig keine Funktion zukommt, neben dem Zeigefinger auf die Grifffläche. Ist dort kein Platz, wird er gern direkt auf das letzte Fingerglied des Zeigefingers gelegt und erhöht so den Druck, den man auf die Leiste ausüben kann. Weil man nun an fünf statt vier Fingern hängt, fühlt sich die Leiste plötzlich um Welten besser an.

Was biomechanisch durch das Aufstellen der Finger passiert

Dieses Gefühl ist das Ergebnis des Zusammenspiels mehrerer Punkte: Zum einen ist es natürlich die höhere Zahl der eingesetzten Finger. Arbeit, die sonst von vier Fingern übernommen werden muss, wird nun auf fünf aufgeteilt. Gleichzeitig werden die Fingerendgelenke in eine Maximalposition gebracht, weil man sie beim Aufstellen streckt. Die Kapsel blockiert ein weiteres Aufklappen des Gelenks und erleichtert es so, Druck auf die Fläche des Griffs aufzubringen. Zu guter Letzt verändert sich die Position des Handgelenks und damit die Spannung in den Fingerbeugemuskeln. Anders als beim offenen Griff, bei dem Handgelenk und Unterarm eine Linie bilden, geht das Handgelenk in die Streckung und erhöht damit den Zug auf die bereits erwähnten Muskeln. Diese Streckung erlaubt es ihnen, mit mehr Kraft zu kontrahieren.

Risiken des Aufstellens: Angriff auf die Ringbänder

Wenn es um kleine Griffe geht, scheint das Aufstellen der Finger deshalb die beste Lösung zu sein. Allerdings gibt es einen nicht zu vernachlässigenden Nachteil: Die stark gebeugte Position der Finger erhöht die Verletzungsgefahr deutlich. Ringbandreizungen und -risse gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Kletterern und haben ihre Ursache in vielen Fällen im Aufstellen auf kleinen Griffen.

Ringbänder und Sehnen im Finger. (Abbildung aus Taping im Klettersport)

Ursache ist die steigende Belastung auf die Ringbänder durch die starke Beugung der Finger. Aufgabe der Bänder ist es, die Beugesehnen am Knochen zu halten, wie es die Ringe einer Angel mit der Angelsehne tun, sobald ein Fisch angebissen hat und die Rute sich krümmt. Gäbe es die Ringe nicht, würde sich die Schnur wie bei einem Bogen lösen. Je stärker die Beugung, desto mehr Kraft müssen die Ringe (also auch die Ringbänder) schlucken. Das kann zu Mikroverletzungen führen, die sich bei zu kurzen Erholungszeiten anhäufen und eine Reizung hervorrufen. Auf Dauer wird das Ringband geschwächt und kann reißen. Manchmal geht es aber auch ganz schnell: Sind die Finger aufgestellt und man rutscht ab, sind die Probleme von einem Moment auf den anderen da. Wer stellt, hält also nicht nur, er geht auch ein gewisses Risiko ein, sich zu verletzen.

Die Alternativen zum Full Crimp

Häufiges Aufstellen der Finger ist deshalb wenig empfehlenswert – vor allem zu Beginn der Kletterkarriere, da die Sehnen und Bänder zu diesem Zeitpunkt noch untrainiert sind. Die besseren Alternativen sind der offene und der halbaufgestellte Griff. Bei Erstem fällt die Belastung für die Ringbänder am geringsten aus, weil die Finger weitestgehend gestreckt bleiben. Allerdings kann es bei dieser Art zu greifen für manche schwierig werden, vier Finger einzusetzen. Ist der kleine Finger sehr kurz, reicht er möglicherweise nicht mehr bis an die Grifffläche heran.

Der offene (links) und halbaufgestellte Griff (rechts) sind für die Ringbänder die schonendere Alternative. Für beide braucht es aber etwas mehr Kraft. (Abbildung aus Bouldertraining)

Deshalb weichen viele Kletterer auf die halbaufgestellte Fingerposition aus. Setzt man vom Zeigefinger bis zum kleinen Finger alle ein, ergibt sich diese beinahe automatisch. Die Belastung für das A2- und A3-Ringband steigt hier zwar, bleibt aber unter dem Niveau des Full Crimps, weil das Fingergrundgelenk weiterhin gestreckt ist und das Mittelgelenk weniger stark gebeugt wird. Die Umlenkarbeit der Ringbänder ist damit geringer und eine Verletzung unwahrscheinlicher. Offensichtlicher Nachteil bei beiden Alternativen zum Full Crimp: Es braucht etwas mehr Training, um auch kleinste Leisten halten zu können. Geduld zahlt sich aber aus. Ist man einmal daran gewöhnt, Griffe auf diese Art zu halten, fühlt es sich weit angenehmer an als das gelenk- und bandlastige Aufstellen.