Von der Halle an den Fels: Was man als Boulderer beachten muss

Fontainebleau Crashpads GruppeAuch wenn der Vertikalsport zunehmend zu einer Sache wird, die man in Hallen betreibt, bleiben die Wurzeln weiter präsent. Viele Boulderer und Kletterer, die am Plastik ihre ersten Züge gemacht haben, wollen sich deshalb irgendwann am echten Felsen versuchen. Das erfordert gleich in mehrfacher Hinsicht Umgewöhnung. Dazu gehört beispielsweise, eine neue Art des Routenlesens zu erlernen. Während in der Halle Griffe und Tritte klar zu erkennen sind, gibt es solche Vorgaben draußen nicht – sofern man nicht gerade in einem Gebiet unterwegs ist, in dem Hunderte Boulderer vorher Chalkabdrücke und -markierungen (im Klettersprech auch Tickmarks genannt) am Felsen hinterlassen haben. Das macht es wichtiger, mit wachem Kopf zu bouldern. Am besten versucht man, sich schon vor dem Einstieg einzuprägen, wo Griffe und Tritte sein könnten. Andernfalls wird man wohl häufiger ratlos an der Wand hängen und den Weg nach unten antreten, ohne zuvor das Ende des Boulders erreicht zu haben. Hier spielt Erfahrung eine wichtige Rolle. Je häufiger man in der freien Natur bouldert, desto leichter fällt es auch, Tritte und Griffe zu finden. Gleichzeitig lässt die Angst nach, mit der viele nach dem Tapetenwechsel zu kämpfen haben.

Sicherheit

Sicherheit ist der wichtigste Aspekt, um den man sich beim Start ins Draußenklettern Gedanken machen muss. Wer die Weichbodenmatte der Kletterhalle gegen den Waldboden tauscht, sollte in jedem Fall genügend Crashpads dabei haben. Vor allem, wenn es sich um kleinere Pads mit etwa einem Quadratmeter Fläche handelt, kommt man mit nur einer Matte nicht aus. Zwei sollten es dann mindestens sein. Will man das Absprunggelände großflächig auspolstern und eventuell herumliegende Steine abdecken, ist es besser, sogar noch ein paar mehr mitzunehmen.

Dazu, wie man am besten polstert, gibt es verschiedene Ansichten. Einerseits wird empfohlen, die Pads großzügig überlappend auszulegen, um keine Lücken zu lassen, andererseits können sie so zum Risikofaktor werden, wenn man mit dem Fuß genau auf einer Kante landet und umknickt. Ich persönlich würde immer abwägen. Handelt es sich um ein zerklüftetes Absprunggelände mit Spalten, in denen ein Fuß oder Arm verschwinden könnte, machen überlappende Pads durchaus Sinn. Ist der Boden eben, kann man die Matten auch Kante an Kante auslegen, sollte dann aber penibel darauf achten, dass keine verrutscht. Die Höhe des Boulders spielt ebenfalls eine Rolle. Ist er höher als drei oder vier Meter, würde ich zumindest beim Einsatz der typischen kleineren und dünneren Einstiegspads mit etwa zehn Zentimeter Tiefe zwei Exemplare stapeln. Andernfalls steht dem Kletterer im Falle eines Sturzes oder Absprungs womöglich eine unangenehm harte Landung bevor, weil die Pads nicht mehr genug Dämpfung bieten und man auf den Boden durchschlägt.

Passieren kann das auch, wenn man sie falsch herum auslegt. Insbesondere bei Bouldermatten, welche nur aus zwei Lagen Schaumstoff bestehen, ist es wichtig, Ober- und Unterseite nicht zu vertauschen. Diese sind so konzipiert, dass die obere Seite aus härterem Schaumstoff den Stoß fängt und die Energie auf die Fläche verteilt. Die darunterliegende weichere, aber auch dickere Schicht soll die Energie anschließend schlucken. Diese Kombination sorgt für eine relativ sanfte Landung, verfehlt ihre Wirkung aber, wenn man zuerst auf die Unterseite aufschlägt, die die Stoßenergie nicht so gut verteilt. Wirklich gebremst wird der Kletterer bei einem verkehrt ausgelegten Pad erst vom harten Schaumstoff, der den Sturz jedoch kaum dämpft. Dann macht es vor allem beim Absatteln von höheren Bouldern kaum noch einen Unterschied, ob man auf der Matte oder direkt auf dem Boden landet. Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Nachteil ist, dass die Tragegurte bei den meisten Pads auf der Unterseite angebracht sind. Legt man diese nach oben aus, könnte sich der fallende Kletterer während der Landung darin verheddern, stolpern und genau deswegen unglücklich stürzen. Lässt sich die Matte nicht anders auslegen, was in manchen Situationen vorkommen kann, müssen deshalb die Riemen abgenommen werden.

Fontainebleau
Ist der Boulder nicht allzu hoch und das Absprunggelände gut, geht es auch mal ohne Pad.

Das Absprunggelände gut auszupolstern, ist allerdings nur ein Teil der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Denn auch wenn man weich fällt, heißt das nicht zwangsläufig, dass man sicher fällt. Wer in der freien Natur bouldert, ist gut beraten, sich von einem Partner spotten zu lassen. Bei einem Sturz ist es dessen Aufgabe, eine Landung neben der Matte zu verhindern. Ist ein zweiter Spotter anwesend, sollte der gleichzeitig die Pads neu ausrichten, wenn der Routenverlauf das nötig macht. Bei längeren Traversen, die man nicht vollständig mit Crashpads absichern kann, ist das durchaus üblich. Meine Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass man sich selbst dann nicht darauf verlassen sollte, gespottet zu werden, wenn die Kletterkollegen am Mattenrand stehen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Oft genug wird nur zugeschaut, ohne dass sich jemand zuständig fühlt. Macht man dann einen Abflug, kann niemand mehr rechtzeitig reagieren. Richtig ist es also, vor dem Losklettern aktiv eine oder zwei Personen darum zu bitten, das Spotten zu übernehmen.

Selbst für diese Rolle ausgewählt zu werden, bringt natürlich auch ein paar Dinge mit, die man berücksichtigen muss. Dazu gehört, sich von Anfang an einen festen Stand zu suchen, damit man bei einem Sturz nicht umgerissen wird. Außerdem sollte man ein wenig auf die eigenen Finger achten – Stichwort abgespreizter Daumen. Auch wenn man es vom Fangen gewohnt ist, sollte man beim Spotten tunlichst vermeiden, den Daumen von der restlichen Hand wegzustrecken. Versucht man einen Fallenden mit auf diese Weise geöffneten Händen in Richtung Matte zu stoßen, kann die Belastung zu viel werden und das Daumengelenk wegknicken. Besser ist es deshalb, alle Finger nah beieinander zu halten.

Was im Eifer des Gefechts gern vergessen wird, ist, dass man natürlich auch von oben Hilfestellung leisten kann. Eine meiner ersten Erfahrungen beim Bouldern in der Natur war ein etwas kribbeliger Ausstieg, bei dem ich unsicher war, ob der letzte Tritt ausreichend Halt bieten würde. Belasten wollte ich ihn nicht, eine Alternative konnte ich aber genausowenig finden. Das nötige Vertrauen verschaffte mir dann meine Kletterpartnerin, die meinen Arm griff und damit das Gefühl von zusätzlicher Sicherheit vermittelte. Wäre ich gerutscht, hätte sie mich nicht halten können. Realistisch gesehen bestand diese Gefahr jedoch nie. Es ging lediglich darum, die Barriere in meinem Kopf zu überwinden. Weil das gerade am Anfang ein Problem sein kann, ist ein Kollege, der oben wartet und eventuell Griffe und Tritte ansagt, eine gute moralische Stütze. Wer ganz sicher gehen will, schaut sich das Ende bei Ausstiegsbouldern zuvor selbst einmal an. In Bouldergebieten, die weniger stark frequentiert sind, würde ich das sogar unbedingt empfehlen. Nichts ist unangenehmer, als in drei oder vier Meter Höhe festzustellen, dass die Ausstiegsgriffe zugewachsen oder versandet sind.

Verhaltensregeln

Dass draußen nicht immer beste Konditionen herrschen können und auch nicht sollen, ist ein Umstand, den man hinnehmen muss. Das Bewusstsein, dass Felsen keine Sportgeräte sind und ein Wald keine Kletterhalle ist, fehlt vielen Neulingen – so lautet zumindest die Kritik mancher Kletterer der alten Schule. Zu oft wird versucht, Bedingungen herzustellen, die denen an der Kunstwand nahekommen. So ein Verhalten kollidiert allerdings mit den Interessen des Naturschutzes und ist deshalb in manchen Regionen bereits zur Gefahr für den Sport geworden. Es gilt also, die eigenen Wünsche den Begebenheiten vor Ort unterzuordnen. Wer draußen bouldern möchte, muss das im Interesse der gesamten Community verinnerlichen.

Draußen ist keine Boulderhalle!
Die wichtigsten Regeln auf einen Blick.

Für die Kletterei hat sich deshalb der Grundsatz „Leave no traces!“ – „Hinterlasse keine Spuren!“ etabliert. Das beginnt bereits bei Kleinigkeiten wie einer achtlos weggeworfenen Zigarettenkippe, einem Tape-Rest oder dem Kaugummipapier. Sogar Überreste von Snacks wie Äpfeln oder Bananen sollten nicht in die Umgebung entsorgt, sondern im Müllbeutel wieder mit nach Hause genommen werden. Auch Müll, den man nicht selbst verursacht hat, lässt man besser nicht liegen, sondern sackt ihn mit ein. Andernfalls können sich stark frequentierte Gebiete in kurzer Zeit vom Naturparadies zu einer Müllhalde entwickeln. Das ist dann nicht nur unschön anzusehen, sondern ruft auch Klettergegner auf den Plan. Immer wieder werden Gebiete von der Verwaltung oder Eigentümern gesperrt, weil der Besucherverkehr zu einer Belastung geworden ist. Dafür müssen nicht immer die Felssportler verantwortlich sein, die Erfahrung zeigt aber, dass sie die Leidtragenden sind.

Zum rücksichtsvollen Verhalten zählt außerdem, auf die Beschallung der Umgebung mit Musik zu verzichten und die vorhandene Vegetation zu schonen. Das gilt auch für den Weg ins Gebiet, der nur auf den dafür vorgesehenen Pfaden angetreten werden darf. Bauern reagieren nur selten erfreut, wenn eine Matten tragende Horde über ihre Äcker und Weiden marschiert. Um gleichzeitig den Einfluss auf die Tierwelt möglichst gering zu halten, sollte der Boulderausflug vor Einbruch der Dunkelheit enden und nur dort übernachtet werden, wo es auch erlaubt ist. Wer seine Notdurft im Gebiet verrichten muss, tut gut daran, sich ein paar Dutzend Meter von den Felsen zu entfernen und die Hinterlassenschaften abzudecken, im besten Fall zu vergraben. So verhindert man, dass andere darüber stolpern.

Der Einsatz von Chalk ist ebenfalls ein Streitthema. In vielen Gebieten ist er zwar geduldet, sollte aber nicht übertrieben werden. Wenn ein dunkler Fels nach dem Bouldern mit weißen Handabdrücken und Markierungen übersät ist, war es vermutlich zu viel des Guten. Solche Spuren sollten bestmöglich mit einer Bürste entfernt werden. Hintergrund dafür ist nicht nur die Optik. Zum einen legen manche Kletterer großen Wert darauf, eigene Wege zu finden und werden durch eingechalkte Griffe und markierte Tritte um diese Erfahrung gebracht, zum anderen kann Chalk dem Felsen schaden. In einigen Gebieten ist der Einsatz deshalb grundsätzlich verboten. Generell ist es also eine gute Idee, sich vor dem Ausflug über die Regeln am Ziel zu informieren. Teil der Vereinbarungen zwischen den lokalen Kletterern und Naturschützern können auch saisonale Sperrungen sein, um beispielsweise die Vogelbrut nicht zu stören. Werden solche Abmachungen missachtet, kann das die komplette Sperrung nach sich ziehen. Dem einen oder anderen mag das nervig vorkommen, es bleibt aber der einzige Weg, das Klettern in der Natur allen zu erhalten.

Dieser Text ist Teil der erweiterten Ausgabe des Grundkurs Bouldern, den es als E-Book bei den Tolino-Partnern (Hugendubel, Thalia, Weltbild usw.) oder als E-Book (4,99 Euro) oder Printbuch (10,99 Euro) bei Amazon gibt. Die Bilder wurden 2014 von Anna Hetz in Fontainebleau aufgenommen.