Gute Klettertechnik: Wie miese Griffe doch Sinn machen können

Dass man an einem Boulder scheitert, weil es nicht gelingt, einen der Griffe zu halten, ist relativ normal. Und obwohl so etwas den Anschein eines Kraftdefizits erweckt, muss das – wie so oft – nicht der Fall sein. Zuletzt hing in der Nordwand Erfurt ein Boulder, der manche Besucher rätseln lassen hat. Ein Griff in der Mitte des Problems schien einfach keinen Sinn zu haben, weil er sich nicht ohne Weiteres nutzen ließ. Noch dazu war es möglich, ihn auszulassen. Das allerdings war deutlich schwerer als die eigentlich gedachte Lösung. Was oft übersehen wurde: Der Boulder bot die Möglichkeit, eine der grundlegendsten Techniken des Kletterns anzuwenden. Diese ermöglicht es, auch schlechte Griffe sicher zu halten. Wer darauf kam, konnte das Problem meistens schnell abhaken.

Der Boulder mit dem „sinnlosen“ Griff

Geschraubt wurde der Boulder mit Blocz-Miniboards, einem Set von Volumen, das man heute in vielen Hallen findet. Die Boards gibt es in verschiedenen Varianten – mal mehr, mal weniger hinterschnitten – sie sind also unterschiedlich gut zu halten. Als Schlüsselgriff dieses Boulders hatte der Routenbauer ein Board mit 90-Grad-Kante gewählt. Kein schlechter Griff, dank der leicht überhangenden Wand und einer starken Rotation des Griffs kam es jedoch darauf an, ihn richtig zu belasten. Wer sich daran wie an einem simplen Henkel festhalten wollte, brauchte entweder sehr starke Finger oder kam nicht weiter.

Viele versuchten deshalb, den Griff zu ignorieren und stattdessen zum übernächsten Miniboard zu ziehen. Dieses war stärker hinterschnitten und nah genug, um mit einem dynamischen Zug erreichbar zu sein. Allerdings wurde es dann schwierig, den aufgebauten Schwung abzubauen. Sobald man den Griff erreichte, wurde der Körper nach links aus der Wand gedrängt. Insgesamt wurden alle alternativen Lösungen dadurch deutlich physischer als die eigentlich gedachte.

Wie gute Technik den Boulder kletterbar macht

Der Gedanke hinter dieser Kletterstelle war es, sich über Zug- und Gegenzug in den Schlüsselgriff zu ziehen. Möglich wurde das, weil der Boulder direkt an einer Wandkante geschraubt wurde, die selbst einen 90 Grad-Winkel hat. Damit ließ sie sich ähnlich gut halten wie die eigentlichen Griffe des Problems. Legte man einen Hook an besagter Kante und zog erst dann zum Schlüsselgriff, konnte man sofort mehr Druck auf den Griff bringen und sich über Kompression zwischen Hook und Hand in der Wand verspannen. Dadurch wurde die Schlüsselstelle auch für diejenigen möglich, die zuvor noch sicher waren, weder den Schlüsselgriff noch die dynamische Alternativlösung halten zu können. Ein eigenes Bild von dem Boulder und seinen verschiedenen Lösungen kannst du dir im oben verlinkten Video machen.

Die Technik vom Aufbau von Zug und Gegenzug solltest du in jedem Fall auf dem Schirm haben. Denn sie kann in vielen Situationen nützlich werden, egal ob in der Halle oder am Fels. Im Beispiel hat sie es möglich gemacht, einen sloprigen Seitgriff zu belasten. In anderen Situationen können es besonders flache oder kleine Griffe sein, die dank Kompression doch passablen Halt bieten.

Kleine Leisten, Sloper, Überhang – Zug und Gegenzug geht immer

An Slopern ist diese Technik generell hilfreich, weil sie es leichter macht, nah an der Wand zu bleiben und abschüssige Griffe in einem günstigeren Winkel zu belasten. Dafür muss es nicht immer ein Hook sein. Im Video zeige ich einen Sloper-Boulder, bei dem ich meine Hüfte über die Tritte in die Wand ziehe, während ich aufhocke. Dadurch baue ich zusätzlichen Zug an den Slopern auf und komme in eine stabile Position, aus der ich sicher weiterfassen kann. Würde ich mich einfach nur unter den Griff hängen lassen oder die Hüfte sogar aus der Wand herausschieben, wäre der Boulder deutlich schwerer. Das Risiko, unerwartet abzurutschen, höher.

Bei Routen im Überhang ist Zug und Gegenzug ebenfalls Gold wert. Im steilen Gelände kippt die Grifffläche in Relation zur Wand, sodass selbst gute Griffe abschüssig und damit schwer zu halten werden. Verstärkt wird das noch, weil der Körper von der Schwerkraft aus der Wand gezogen wird. Im Dach können sogar reine Henkeltouren so zur Herausforderung werden. Den Körper dann durch Verspannen nah an der Wand zu halten und für eine günstige Belastungsrichtung bei den Griffen zu sorgen, macht das Leben deutlich leichter. Wie das funktioniert, habe ich in einem älteren Video erklärt.