Gewicht im Klettersport: Leichter heißt nicht automatisch besser

Welchen Einfluss haben die körperlichen Voraussetzungen darauf, ob ich ein Boulderproblem schaffe? Diese Frage stellt sich im Kletteralltag erstaunlich oft. Doch während viel über die Vor- und Nachteile von Groß und Klein gestritten wird, scheint man sich bei einer Frage recht einig zu sein: Wer weniger wiegt, ist immer im Vorteil. Das wirkt in einem Sport, in dem sich der Erfolg manchmal darüber entscheidet, ob man besonders kleine Griffe festhalten kann, auf den ersten Blick wie eine sichere Wette. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Es lohnt sich genauer hinzuschauen, auch um eine problematische Fixierung auf immer geringere Zahlen auf der Waage als das zu entlarven, was sie ist – ein ungesunder Irrweg.

Selbstoptimierung über das Ziel hinaus

Es ist kein Geheimnis: Profiathleten senken ihr Gewicht bis ans Limit, teilweise auch darüber hinaus. Man will immer stärker und gleichzeitig immer leichter werden, um den nächsthöheren Grad zu erreichen. Ziel ist es, das Kraft-Gewichtsverhältnis so weit zu optimieren, wie es nur geht. Leider führt das nicht nur zu beeindruckenden Leistungen, sondern immer wieder auch in die Essstörung. Ungesunde Einstellungen zur Ernährung sind im Klettersport vor allem unter ambitionierten Athleten keine Seltenheit. Befragungen haben gezeigt, dass Schuldgefühle im Bezug auf Mahlzeiten immer häufiger anzutreffen sind, je höher der gekletterte Maximalgrad der Befragten ausfällt. Der Appetit wird hier dem sportlichen Erfolg untergeordnet. Das ist problematisch. Denn selbst wenn man die Kletterleistung über alles andere stellt, sind Schuldgefühle beim Essen kein „unangenehmer“ Nebeneffekt, sondern ein Schuss, der nach hinten losgeht.

Die Effekte dauerhafter Mangelernährung

Wer dauerhaft mehr Energie verbraucht als aufgenommen wird, bekommt es mit zunehmend ernsten Konsequenzen zu tun. Das betrifft Physis und Psyche gleichermaßen. Die ersten negativen Effekte stellen sich schon nach ein paar Stunden ein. Man wird reizbarer und die Konzentrations- und Urteilsfähigkeit leidet. Was als schlechte Stimmung beginnt, kann sich mit der Zeit zu einer Depression auswachsen. Erst recht, wenn man sich schnell keineswegs so fit und stark fühlt, wie man sich das vielleicht erhofft hat. Denn auf körperlicher Seite führt das Energiedefizit zu höherer Infektanfälligkeit, schlechterer Regeneration, damit zu größerer Verletzungsgefahr und schließlich zu Hormonstörungen.

Aus Sicht eines Sportlers wäre das allein bereits ein handfestes Problem, aber es geht noch weiter: Die zu geringe Energiezufuhr sorgt auch für stagnierende oder sinkende Leistungen, schlechtere Koordination und geringere Muskelkraft. Wer Spitzenleistungen über ein immer geringeres Gewicht erreichen will, ruiniert sich also nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Fähigkeit, die erhofften Leistungen zu erbringen.

Was rausgeht, muss auch wieder rein

Das Grundproblem ist simpel: Klettern ist ein körperlich anspruchsvoller Sport. Bringen wir uns beim Training an die Leistungsgrenze, signalisieren wir unserem Organismus, die Leistungsfähigkeit während der nachfolgenden Regeneration weiter zu erhöhen, um der Beanspruchung besser gewachsen zu sein. Hat der Körper genügend Energie zur Verfügung, ist das in einem gewissen Rahmen kein Problem.

Schwierig wird es bei Energieknappheit. Unser Körper muss dann Prioritäten setzen. Normalerweise würde in Mangelzeiten die Muskulatur zurückgebaut, um den Energiebedarf zu reduzieren. Weil Muskeln auch im Ruhezustand Verbraucher sind, macht das evolutionär gesehen Sinn. Werden diese allerdings kontinuierlich belastet, betrachtet der Organismus sie als überlebenswichtig. Das Sparprogramm setzt an anderer Stelle an, beispielsweise bei den Fettreserven, die andernfalls eher erhalten werden. Sind auch diese geleert, gerät der Energiehaushalt zunehmend aus der Balance – mit den oben genannten Folgen.

Bleibt es bei einer kurzen Mangelzeit, schadet das noch nicht. Wer also ein paar Tage lang die Kalorien reduziert, um die eigenen Chancen in einem Projekt zu verbessern, muss im besten Fall nur mit gedrückter Stimmung leben. Wichtig ist allerdings, dass sich das Ganze nicht verselbstständigt und zum Zwang wird. Aber auch bei kurzen Verzichtsphasen muss man im Hinterkopf behalten, dass leere Energiespeicher die Leistung ebenfalls negativ beeinflusst. Man ist also nicht unbedingt besser aufgestellt, selbst wenn man leichter geworden ist.

Das gesunde Mittelmaß

Umgekehrt muss natürlich klar sein, dass überschüssige Pfunde die Leistung hemmen können. Vor allem dann, wenn es sich tatsächlich um Speckreserven geht. Anders als Muskulatur handelt es sich dabei schließlich um im sportlichen Sinne unproduktives Gewicht. Es sorgt einzig dafür, dass man beim Klettern im Vergleich zu einem leichteren Ich mehr Kraft aufwenden muss, um die selbe Route zu knacken. Wo das Maximum in Sachen Schwierigkeit liegt, wird in höheren Graden immer häufiger vom Kraft-Gewichtsverhältnis bestimmt. Leistungsorientierte Kletterer sind also darauf angewiesen, zumindest die Fettreserven auf einem vernünftigem Niveau zu halten.

Das wiederum heißt allerdings nicht, dass eine Gewichtszunahme immer schlecht sein muss. Bouldereinsteiger legen in den ersten Monaten oftmals an Gewicht zu, weil die Muskulatur wächst. Diese Muskeln sind wie bereits erwähnt eine Anpassungsreaktion, um der Belastung des Kletterns besser gewachsen zu sein. Versucht man diese um des Gewichts Willen wieder abzuhungern, schränkt man automatisch die eigene Leistungsfähigkeit ein. Wichtig ist also, die richtige Balance zu finden, weder zu schwer noch zu leicht zu werden. Gelingt das, ist es nicht nur eine gute Voraussetzung für hohe Leistungen, sondern auch ein Gesundheitsgarant. Und das wiederrum ist die Grundvoraussetzung, um diesen Sport über lange Zeit ausüben zu können.

Zwei wesentliche Anmerkungen noch

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass Menschen unterschiedliche genetische Anlagen haben. So kann es durchaus sein, dass auch sehr leichte Kletterer gesund und leistungsfähig sind. Dabei muss ihr geringeres Gewicht nicht zwingend mit einer Essstörung im Zusammenhang stehen. Auch das Alter und der Stoffwechsel haben entscheidenden Einfluss darauf, wie viel man essen kann, ohne zuzunehmen.

Und: Am Ende ist das Gewicht ohnehin nur ein Faktor unter vielen, die über die Leistung bestimmen, weshalb es reichlich andere Wege gibt, um besser und stärker zu werden. Mein Körpergewicht hat sich seit 2015 kaum noch verändert. Lag mein maximaler Bouldergrad damals noch bei 7A+/7B, konnte ich 2020 meine erste 8A klettern – ohne dass es sich bei diesem Boulder um ein Projekt gehandelt hätte, auf das ich spezifisch hintrainiert hätte. Ein Video des Durchstiegs findest du im verlinkten Instagram-Post weiter oben.

Zum Weiterlesen: https://www.realnutritionllc.com/lose-weight-to-send-the-dark-side-of-climbing-and-eating-disorders/

Bildquelle: National Institutes of Health / Wikimedia