Simond Edge Slipper: Die Boulder-Socke von Decathlon im Test

In den letzten Jahren hat sich Simond zu einer beliebten Marke unter Klettereinsteigern entwickelt. Mit dem Rock bietet man ein derart günstiges Schuhmodell an, dass viele schon allein aufgrund des Preises nicht mehr nach Alternativen suchen. Aber auch für Kletterer und Boulderer, die eher nach einem Performanceschuh Ausschau halten, hat man etwas Passendes im Angebot. Seit einigen Jahren ist der Edge das Spitzenmodell des französischen Herstellers, dessen Eigenschaften ihn zu einer guten Wahl für schwerere Kletterprobleme macht. Mit einem Manko: Als Schnürer schwächelt dieser bei Toe-Hooks. Gerade die sind aber in modernen Hallenbouldern immer häufiger zu finden. Ein mit dem La Sportiva Solution oder Scarpa Instinct vergleichbares Modell mit großem Toe-Hook-Patch fehlte. Diese Lücke hat Simond vergangenen Herbst mit der Einführung des Edge Slipper geschlossen.

Nachdem mich der Simond Edge seit seiner Vorstellung vor vier Jahren indoor wie outdoor begleitet hat, sorgte die Vorstellung des Slippers bei mir sofort für großes Interesse. Denn aufgrund des bereits erwähnten Toe-Hook-Problems hatte ich bereits seit Längerem immer wieder über den Kauf eines Instinct, Solution oder Futura nachgedacht. Weil mir aber der Edge sehr gut passt, lag es nahe, auf den Herstellerwechsel zu verzichten und stattdessen dem Schwestermodell eine Chance zu geben.

Der Schnitt: Was sich im Vergleich zum alten Simond Edge geändert hat

Am Schnitt hat Simond kaum etwas geändert. Vergleiche ich meinen Slipper mit dem Schnürer, scheint die Zehenbox des Slippers an der Außenseite etwas gewachsen zu sein und nun mehr Platz für die kleine Zehe zu bieten. Für mich ist das ein Komfortplus, weil sich mein kleiner Zeh beim Eintragen des Edge-Schnürer immer ein wenig Luft verschaffen musste. Von Haus aus hat der neue Slipper zudem mehr Downturn als das Original, dafür etwas weniger Vorspannung. Nach einem halben Jahr in Benutzung hat der Downturn etwas nachgelassen, die typische Bananenform ist aber weiterhin zu erkennen. Folglich fällt es mir immer noch relativ leicht, auch im Dach verhältnismäßig kleine Tritte zu stehen.

Dass der Schuh einen asymmetrischen Leisten besitzt und so die Kraft des gesamten Fußes Richtung Großzehe umleitet, trägt dazu sicher bei. Positiv bemerkbar macht sich das aber in jedem Fall, wenn man an geraden oder liegenden Wänden auf kleinen Tritten unterwegs ist. Auch hier liefert der Edge Slipper gute Ergebnisse ab.

Neue Ferse für sicheres Hooken

Die zurückgenommene Vorspannung hat derweil keine Nachteile mit sich gebracht. Meine anfänglichen Bedenken, bei Heel-Hooks könne sich der Slipper von meiner Ferse pellen, bestätigten sich glücklicherweise nicht. Der Schuh sitzt bei mir genauso sicher wie der Schnürer – und das, obwohl ich ihn mir sogar eine halbe Nummer größer gekauft habe. 42.5 bei einer 43er Straßenschuhgröße. Da hilft natürlich, dass der neue Edge eben kein reiner Slipper ist, sondern zusätzlich von einem Klettband gehalten wird. Und auch hier macht Simond einiges richtig. Anders als beim günstigeren Vertika des gleichen Herstellers ist der Verschluss so weit oben am Schuh positioniert, dass er nur selten Wandkontakt hat und folglich länger hält. Bei meinem Vertika war ein Klettriemen schon nach wenigen Wochen zerschlissen.

Während der Schnitt nicht massiv geändert wurde – weshalb Fans des Edge auch zum Edge Slipper greifen können – hat sich beim Design einiges getan. Eine Änderung hätte Simond gern auf den ebenfalls neuen Edge 2 übertragen können: den umgestalteten Fersenbereich. Zwar zieht sich die Sohle wie beim Schwestermodell in einer dünnen Zunge über die Ferse. Anders ist allerdings, dass diese nicht nur aufgeklebt, sondern in der oberen Hälfte selbst noch einmal von einem Gummi überzogen ist. Diese vermeintlich kleine Änderung bringt einen großen Vorteil mit sich: Legt man einen aggressiven Hook, bietet das Sohlengummi weniger Angriffsfläche und kann so nicht mehr so leicht vom Schuh reißen. Genau das ist mir bei einigen anderen Simond-Schuhen zuvor schon passiert. Mein Slipper zeigt bis dato allerdings keine Schwäche. Simond hat damit das vielleicht größte Qualitätsproblem ihrer Schuhe in den Griff bekommen.

Die neue Ferse beim Simond Edge Slipper verspricht Haltbarkeit. Ein flacher Übergang zwischen Rand und Sohle in Kombination mit dem schützenden blauen Gummistreifen im oberen Teil mindert die Gefahr, dass Heel-Hooks Schäden hinterlassen.

Viel Gummi – auch über dem Spann

Für Toe-Hooks ist der Edge Slipper ganz klar die erste Wahl im Simond-Sortiment. Dank eines großen Gummi-Patches auf der Oberseite findet man leichter Halt als mit den anderen Modellen und muss gleichzeitig nicht befürchten, sich den Schuh ruinieren. Dass der Edge Slipper insgesamt eher weich ist, hilft ebenfalls, weil man die Zehen leicht anziehen kann. Mit der dadurch entstehenden Mulde kann man sich regelrecht festhalten.

Um diese Flexibilität zu erreichen, hat Simond eine weitere Neuerung umgesetzt. Schaut man sich den Schuh von unten an, fällt die zweigeteilte Sohle auf. Im Unterschied zu einer durchgehenden Sohle, gibt diese leichter nach. Simond verfolgt damit das Ziel, den Slipper zu einer guten Wahl für Reibungskletterei auf Volumen zu machen. Weiche Schuhe sind hier im Vorteil, weil es mit ihnen leichter fällt, flächig anzutreten, während eine harte Sohle den Kletterer besser unterstützt, wenn er oder sie auf kleinen Tritten unterwegs ist. Simond vermarktet den Edge Slipper deshalb als Indoor-Schuh. Nichtsdestotrotz habe ich ihn auch an den Fels entführt, ohne dort Probleme zu bekommen. Im Gegenteil. An den häufig athletischen und steilen Thüringer Bouldern waren die guten Hook- und Toe-Hook-Eigenschaften durchaus von Vorteil.

Performance und Haltbarkeit des Simond Edge Slippers in der Praxis

Das große Patch auf dem Spann bietet guten Halt bei Toe-Hooks und präsentiert sich robust. Lediglich der Randgummi ist nach einem halben Jahr leicht ausgefranst. Gut zu sehen auch der noch immer vorhandene Downturn des Schuhs und der immer noch intakte Verschluss.

Zugegebenermaßen ist der „neue“ Simond mein erstes Modell in diesem Design, aber ich würde ihn nicht mehr missen müssen. Toe-Hook-Boulder klappten zwar auch früher schon, so leicht wie heute war es aber nie. Trotzdem möchte ich einen kleinen Schönheitsfehler nicht unerwähnt lassen. Randgummi und Patch sind nicht aus einem Stück gefertigt, sodass sich der Rand mit der Zeit lösen kann. Bei mir ist das allerdings nicht großflächig geschehen. Stattdessen ist die Kante an einzelnen Stellen ausgefranst. Auch wenn das nicht schön ist, beeinträchtigt es die Performance des Schuhs nicht. Und: Bei ähnlichen Modellen anderer Hersteller ist das ebenfalls üblich. Ansonsten gibt sich der Schuh in puncto Haltbarkeit bisher keine Blöße. Hier hat Simond tatsächlich solide Arbeit abgeliefert.

Und jenseits der Toe-Hooks? Gibt es zumindest von meiner Seite her wenig zu beklagen. Allenfalls, dass der Schuh gefühlt nicht ganz so sensibel ist wie das ursprüngliche Edge-Modell. Habe ich in diesem immer absolute Gewissheit über die Qualität meines Tritts und meiner Fußposition, ist das Feedback beim Slipper ein wenig schwammiger. Vor allem auf Volumen habe ich den Unterschied gemerkt. Trotzdem würde ich es noch als gut beschreiben. Auf jeden Fall so gut, dass ich den Slipper nicht ausziehe, wenn es an Volumenboulder geht. Schließlich ist der Halt dank der Vibram XS Grip-Sohle auch dann hervorragend, wenn man nicht die kleinsten Details spürt.

Fazit: Staubfänger oder immer mit dabei?

Schaue ich auf den letzten Monate zurück, fällt mir generell keine Situation ein, in der ich mich darüber geärgert hätte, nur diesen Schuh dabei zu haben. Denn in diese Richtung hat sich mittlerweile mein Normalzustand entwickelt. Anstatt ein zweites Paar mit in den Rucksack zu stecken, geht es im Normalfall nur noch mit dem Edge Slipper in die Halle und zum Fels. Denn auch dort hat sich der Schuh mittlerweile bewährt. Und obwohl der Test am französischen Sandstein noch aussteht, bin ich zuversichtlich, dass der Slipper in Fontainebleau eine gute Figur macht. Schließlich klappt es trotz der weichen Bauart auch mit kleinen Tritten ganz gut, mit Reibungskletterei sowieso – also genau dem, was in Bleau gefragt ist.

Wenn man ehrlich ist, wäre alles andere bei einem Schuh der 100-Euro-Preisklasse aber auch eine Enttäuschung. Und genau hier könnte für die Anfänger unter euch der Knackpunkt liegen. Selbst wenn der Schuh euch gut passt, ist diese Investition für einen Einsteiger meiner Meinung nach nicht lohnenswert. Häufig ist der erste Schuh ein Fehlkauf, der noch dazu schnell zerschlissen wird. Eine derart große Summe zu investieren, halte ich deshalb für unnötig. Wenn du allerdings schon einige Zeit dabei bist und eine solide Fußtechnik entwickelt hast, könnte der Simond Edge Slipper tatsächlich ein Schuh für dich sein. Besonders wenn du häufiger in Boulderhallen unterwegs bist und ein Faible für athletische Kletterprobleme hast. Hier hat mich der Edge Slipper auf ganzer Linie überzeugt. Für Indoor-Boulderer ist er der vielleicht beste Schuh, den Simond bisher auf den Markt gebracht hat.