Kletternde Eltern: Wenn aus zwei drei werden

Die Kletterwelt wächst seit Jahren beständig. Das merkt man nicht nur an den regelmäßigen Eröffnungen neuer Hallen, sondern auch am immer größer werdenden Informationsangebot. Trainingsratgeber, Führer für Gebiete und sogar Webseiten, die Betas von Hallenbouldern veröffentlichen, bieten Wissbegieren ihre Dienste an. Mein Gefühl ist allerdings, dass ein Thema ein wenig hinten runterfällt: Was passiert, wenn aus einem kletternden Pärchen kletternde Eltern werden? Meine Freundin und ich erleben dieses Abenteuer gerade selbst und haben uns deshalb entschieden unsere bisherigen Erfahrungen in einer Artikelserie mit euch zu teilen.

Den Start macht Sindy, die im folgenden Gastbeitrag ihre Erfahrungen während der Schwangerschaft schildert.

Als ich von meiner Schwangerschaft erfuhr, stand ich ganz gut im Training. Durchs Bouldern und zusätzliche Übungen war ich zum Beispiel in der Lage, ein paar saubere Klimmzüge und Liegestütze zu absolvieren – etwas, was für mich über Jahre undenkbar war. Außerdem standen Beintraining, Stärkung des Rumpfes und der Schultern immer mal als zusätzliche Ertüchtigung auf dem Programm. Wochen ohne Sport gab es nicht.

Entspannter Start

Zum Zeitpunkt, an dem ich den positiven Test in den Händen hielt, lief bei uns gerade eine Dreißig-Tage-Challenge mit Burpees. Das Ziel dabei war, jeden dieser dreißig Tage 100 Burpees zu machen. Was man tagsüber versäumt, muss man am Abend umso mehr machen. So etwas hatten wir zuvor schon mit Klimmzügen (allerdings weniger) und Liegestützen gemacht. Die Burpees an sich waren kein Problem, aber ich merkte schon zeitig, dass sich mein Körper durch die Schwangerschaft veränderte. Beim Ausdauertraining konnte ich schwerer atmen und spürte auch, dass ich bald nicht mehr springen sollte. Trotzdem zog ich es noch bis zum Schluss durch. Danach war keine Challenge mehr angesetzt, sondern nur noch normales Training, um kein Risiko einzugehen.

Klimmzüge waren das erste, auf was ich verzichten musste. Einerseits weil sie immer mühsamer wurden und andererseits ein unangenehmes Gefühl im Unterleib verursachten. Schmerzen waren es nicht, eher ein Ziehen, was sich irgendwie komisch anfühlte. Daher entschied ich, dass Klimmzüge nun nicht mehr zu meinem Training gehörten. Dafür gingen Liegestütze, Kniebeugen und andere kräftigende Übungen noch relativ lange, ohne schmerzhaft oder unangenehm zu sein. Ich hatte eigentlich schon immer ein gutes Körpergefühl und konnte die Signale interpretieren. Deshalb achtete ich nun besonders darauf, was mein Körper bei bestimmten Belastungen „sagt“, um kein unnötiges Risiko für mich und das Ungeborene einzugehen. Was für mich nicht infrage kam, war, dass ich jetzt plötzlich mit Sport aufhöre. Daher sollte mein Körpergefühl entscheiden, was ich mir zutrauen kann und was nicht.

Sport, ja, aber klettern?

Prinzipiell spricht nichts gegen Sport in der Schwangerschaft. Ganz im Gegenteil – es wird sogar empfohlen, aktiv zu bleiben. Es hilft einerseits dabei, nicht über die Maßen Gewicht zuzulegen und andererseits, den Körper auf die Strapazen der Geburt vorzubereiten. Ein trainierter Körper steht diese Mammutaufgabe wohl besser und vor allem komplikationsfreier durch als ein untrainierter. Daher würde ich persönlich allen empfehlen, in Bewegung zu bleiben und sich selbst zu fordern, aber nicht zu überfordern. Die Schwangerschaft ist eine Zeit, in der der Körper sehr sensibel auf verschiedene Dinge reagiert und damit auch auf körperliche Ertüchtigung. Bei genauem „Hineinhören“ in sich selbst bekommt man aber gut heraus, was man leisten kann. Und das ist doch noch eine Menge.

Logischerweise sollte man Sportarten mit hohem Unfallrisiko meiden. Zweifelsohne gehören Reiten, Inlineskating und andere Risikosportarten dazu. Fahrradfahren, schwimmen oder Yoga werden hingegen ausdrücklich empfohlen. Der Frauenarzt oder die Hebamme geben dazu mehr Auskünfte. Dennoch kann man vieles machen, solange man sich gut fühlt. Klettern und bouldern wurden laut meiner Info-Flyer auch als Risikosportarten eingestuft, trotzdem bin ich bis in den 6. Monat hinein bouldern und danach bis Ende des 8. Schwangerschaftsmonats klettern gegangen. Man muss auf seinen Körper hören und schauen, was man sich zutrauen kann. Eine Profi-Reiterin wird vermutlich auch nicht von heute auf morgen damit aufhören, sondern eher die Frequenz und das Training anpassen und herabfahren. Was man auf jeden Fall vermeiden sollte, sind Stürze, denn das ist gefährlich für das Ungeborene. Deshalb boulderte ich später nur noch weit unter meinem eigentlichen Niveau, vermied alle dynamischen Züge und kletterte lieber ab, wenn ich nicht das Gefühl hatte, einhundertprozentig sicher zu sein. Abspringen war keine Option mehr.

Für mich war wichtig, dass ich aufhörte, wenn sich etwas komisch und damit nicht mehr gut anfühlte. Ich vertraute darauf, dass mir mein Körper wie immer die richtigen Signale schickt, damit es mir und dem Fötus gut geht. Anfangs habe ich mich daher nicht wirklich geschont. Allerdings befand ich mich in der dankbaren Lage, dass ich keine Beschwerden durch die Schwangerschaft hatte. Weder Übelkeit, Erbrechen oder sonstigen Begleiterscheinungen plagten mich. Einzig mit Müdigkeit hatte ich während der ersten drei Monate zu kämpfen. Dagegen hilft aber Sport bekanntlich auch. Mit Aktivität kann man der Müdigkeit Einhalt gebieten, das gilt auch in der Schwangerschaft. Außerdem hat es mich natürlich erschöpft und ich konnte hinterher gut schlafen. Schlafprobleme treten wohl auch bei jeder Schwangeren irgendwann auf, vor allem im letzten Drittel, wenn der Bauch immer größer wird und die gewohnten Schlafpositionen nicht mehr so einfach eingenommen werden können. Wer sich also tagsüber körperlich betätigt, hat nachts mehr Ruhe.

Frau passt sich an

Als ich dann mit der Zeit und doch wachsendem Bauch merkte, dass alles etwas mehr spannt und zu sehr anstrengt, versuchte ich mich noch ein wenig am Fingertraining, um beim Bouldern nach der Schwangerschaft zumindest einen kleinen Nutzen daraus ziehen zu können, immer schwerer zu werden. Liegestütze und alles, was den Beckenboden anstrengt, strich ich aus meinem Training. Man merkt, was zu fordernd ist und entscheidet sich automatisch für Alternativen. Aus dem Krafttraining und Bouldern wurde Bouldern und Klettern und am Ende wurde aus Klettern Yoga. Schwimmen wollte ich nicht, das war mir schon immer zu langweilig. Aber die Yoga-Einheiten, die ich zu Hause machte, taten mir gut. Ich bediente mich YouTube-Tutorials, damit ich immer dann sporteln konnte, wann ich mich dazu fühlte. Am Ende der Schwangerschaft wird alles mühseliger und ich tat mich schwer damit, zu bestimmten Zeiten bestimmten Aktivitäten nachzugehen. Manchmal war ich tagsüber wie lethargisch und kam zu nichts, absolvierte aber abends noch ein Yoga-Programm. So war ich flexibel genug, um nach meinen Bedürfnissen etwas zu tun.
Das Yoga-Programm hatte den Vorteil, dass es auf die Geburt vorbereitete und trotzdem für das Stadium der Schwangerschaft recht fordernd war. Außerdem brachte es mich und meinen Körper in Einklang.

Insgesamt war meine Schwangerschaft unkompliziert und ich konnte die gesamte Zeit aktiv sein. Für mich war das besonders wichtig, denn der wachsende Bauch und das steigende Gewicht machten es psychisch nicht gerade leicht für mich. Trotz freudiger Erwartung muss auch dieser Umstand erst verarbeitet werden und da tut es gut, wenn man sich mit Sport trösten kann.

Also, meine Empfehlung an alle Schwangeren ist eindeutig: Bleibt bzw. werdet aktiv in dem Maße, wie es euer Körper erlaubt und ihr euch gut fühlt. Es gibt so viel, was man tun kann. Man muss es nur auswählen und machen. Auf der Couch sitzen und nichts tun, sollte keine Option sein.“