Als Boulderer ans Seil? Ein Ausflug ins Sportklettern

Seit ein oder zwei Jahren zeigt sich Zuschauern von Kletterwettkämpfen immer wieder ein ungewohntes Bild: Athleten, die man sonst nur von der Boulderwand kennt, stellen ihr Können plötzlich mit Gurt und Seil unter Beweis. Der Grund dafür ist kein Geheimnis. 2020 wird Klettern Teil der Olympischen Spiele sein und sich als kombiniertes Format präsentieren. Wer Gold, Silber oder Bronze gewinnen will, muss sowohl beim Bouldern als auch beim Lead- und Speed-Klettern Bestleistungen abliefern. Kein Wunder also, dass Boulderspezialisten nun auch höhere Wände aufsuchen. Wie aber steht es um uns Normalos? Lohnt ein Ausflug ans Seil für uns vielleicht auch?

Klettern ist nicht gleich klettern

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten – je nachdem, was man sich vom Klettern erwartet. Geht es rein um den Spaß, fällt sie einfach aus: Klar, warum nicht? Wenn jemand Lust darauf hat, die Bouldermatte gegen ein Seil einzutauschen und Spaß am Klettern längerer Routen hat, spricht nichts dagegen auch andere Spielarten des Sports zu erkunden. Solange man die Zeit genießt und etwas Positives aus dem Erlebnis ziehen kann, gibt es keinen Grund darauf zu verzichten.

Daniel Woods gehört eigentlich zur Boulder-Elite, war zuletzt aber auch recht erfolgreich am Seil unterwegs. Ganz ohne olympische Ambitionen.

Etwas schwieriger wird es, wenn der Leistungsgedanke eine tragende Rolle spielt. Wer möglichst schwer bouldern möchte, wird unter Umständen Schwierigkeiten haben, beide Disziplinen unter einen Hut zu bekommen. Aufgrund der beim Sportklettern im Vergleich zum Bouldern längeren Routen ändert sich das Anforderungsprofil an die Muskulatur. Während die Kraxelei über der Matte typischerweise eine maximal- und schnellkräftige Angelegenheit ist, spielt mit zunehmender Anzahl der Züge Kraftausdauer eine größere Rolle. Diese unterschiedlichen Schwerpunkte schlagen sich auch im Aufbau der Muskulatur nieder, die sich entweder auf hohe, aber kurze Kraftspitzen oder eine lang anhaltende gleichmäßige Leistung auf niedrigerem Niveau spezialisieren muss. Wer viel Zeit im Seil verbringt, wird deshalb Schwierigkeiten haben, beim Bouldern das Maximum herauszuholen. Das gilt besonders dann, wenn die gekletterten Routen länger als die hallentypischen 10 bis 15 Meter sind.

Was Sportklettern für Boulderer lohnenswert macht

Ein Autobelayer macht den Einstieg ins Sportklettern für Boulderer leicht, da man keine Sicherungstechniken beherrschen muss. Wirklich lehrreich ist allerdings der Vorstieg. Hier verlangt das Clippen sparsamen Krafteinsatz.

Ist Seilklettern also Gift für all jene, die leistungsorientiert bouldern wollen? So weit würde ich nicht gehen. Meiner Meinung nach können auch Boulderer Gurt und Seil anlegen und die Pumpresistenz ihrer Unterarme auf die Probe stellen. Tatsächlich sehe ich sogar einiges an Potenzial dafür, die Boulderleistung zu verbessern, wenn man gelegentlich die Disziplin wechselt – nämlich in puncto Technik.

Boulderer gelten zwar gemeinhin als gute Techniker, weil das Klettern in Absprunghöhe sich oft um perfekte Körperpositionierung und präzise Bewegungen dreht. In einem Punkt sind wir unseren Höhe liebenden Kollegen aber meist unterlegen: beim Thema Effizienz. Weil wir oft nicht mehr als fünf oder sechs schwere Züge hinter uns bringen müssen, spielt sparsamer Krafteinsatz beim Bouldern seltener eine Rolle. Da werden die Griffe zugeschraubt und der Körper unter Spannung gehalten, selbst wenn das so nicht unbedingt nötig wäre. Beim Sportklettern ist das der Untergang. Wer hier nicht sparsam unterwegs ist, muss entweder deutlich über dem Grad der Route stehen oder läuft Gefahr, spätestens nach der Crux ausgepowert von den Griffen zu tropfen.

Seilkletternde Boulderer müssen deshalb ihre Herangehensweise anpassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich auch leichte Routen schwer machen kann, wenn man permanent die Spannung in der Muskulatur aufrechterhält. Allerdings ändert sich das, sobald man darauf achtet, nicht zu viel Druck auf gute Griffe zu geben, noch ein bisschen mehr Last auf die Füße zu verlagern und tatsächlich im langen Arm zu hängen. Ich persönlich habe so gelernt, Züge auch mit weniger Krafteinsatz zu lösen.

Eine neue Perspektive für mehr Entspanntheit beim Bouldern

Eine Grundvoraussetzung dafür ist natürlich, dass man sich am Seil einigermaßen wohlfühlt. Wer permanent mit Sturzangst zu kämpfen hat, muss erst einmal diese unter Kontrolle bringen, um locker lassen zu können. Aber auch das hilft beim Bouldern. Nach ein paar Ausflügen in die Höhe verlieren schwierige Züge in höheren Boulderproblemen einen guten Teil ihre einschüchternde Wirkung. Zwei oder drei Meter Luft unter den Sohlen sind dann eben doch vergleichsweise wenig. Und wer frei im Kopf ist, kann seine Stärken besser ausspielen. Vielleicht gibt die Abwechslung sogar frische Motivation, weil es ein anderes, neues Klettererlebnis ist.

Sportklettern als Ergänzung macht also Sinn, sollte für leistungsorientierte Boulderer aber eine Nebensache bleiben, um die Maximalkraftleistung zu erhalten. In anderen Punkten wie der Bewegungseffizienz oder der Angst vor Höhe kann es sogar positive Wirkung haben.

Übrigens: Das gilt auch unter umgekehrten Vorzeichen. Für Seilspezialisten lohnt der Wechsel auf die Matte, um ihre Technik bei Cruxzügen und ihre Bewegungskreativität zu verbessern. Gleichzeitig profitieren sie vom Training der Maximalkraft, denn ein Plus an Fingerstrom kann auch in längeren Routen nie schaden. Nicht umsonst steht das Bouldern bei vielen starken Sportkletterern regelmäßig auf dem Programm.