Bouldern und Übergewicht – geht das?

Bouldern ÜbergewichtBouldern boomt. Immer neue Hallen bringen die Kletterei in felsarme Regionen und Medienberichte abseits der Szenepublikationen erhöhen kontinuierlich die Bekanntheit. Natürlich bekommen so auch Menschen Interesse an der Vertikalathletik, die mit Sport ansonsten möglicherweise weniger am Hut haben oder wieder etwas in Form kommen wollen. Zögerliche Zeitgenossen mögen sich dann die Fragen stellen, ob Bouldern mit Übergewicht überhaupt funktioniert, welche Einschränkungen es gibt und auf was man besonders achten muss. Darüber habe auch ich mir in den letzten Tagen Gedanken gemacht und bin zum Schluss gekommen: Alles halb so wild!

Kann man auch mit Übergewicht bouldern?

Ja, auf jeden Fall! Ich würde Menschen mit ein paar Extrapfunden sogar eher dazu raten, an der Boulderwand zu trainieren, als die Laufschuhe herauszukramen, schlicht, weil die Beanspruchung der Gelenke beim Klettern auf Anfängerniveau wesentlich geringer als beim Joggen ist. Belastungsspitzen, wie sie beim Laufen in den Sprung- und Kniegelenken auftreten, gibt es an der Kletterwand für gewöhnlich nicht. Die auf die Gelenke wirkenden Kräfte bleiben – solange man keine dynamischen Züge absolviert, was am Anfang selten der Fall ist – relativ konstant. Dafür ist der Trainingseffekt vielseitiger als beim Laufen, weil sowohl die Muskeln der oberen als auch der unteren Körperhälfte gefragt sind.

Um eine etwaige Überbeanspruchung der Finger braucht man sich keine allzu großen Gedanken machen. In Anfängerrouten sind die Griffe und Tritte so groß, dass man die Belastung gut auf Hände und Füße verteilen kann. Den ganzen Körper nur an den Fingerspitzen hängend zu halten, ist eine Übung, an der sich für gewöhnlich nur sehr viel fortgeschrittenere Athleten versuchen müssen.

Auf was muss man achten?

Im Grunde sind für übergewichtige Anfänger die gleichen Punkte zutreffend wie für Normalgewichtige. Um das Verletzungsrisiko gering zu halten, sollte man sich an der Wand ruhig und überlegt bewegen, versuchen, die Hände mit den Füßen zu entlasten und auf riskante Züge verzichten. Mit viel Schwung oder vollem Krafteinsatz zu arbeiten, ist in Anfängerrouten normalerweise nicht gefordert. Hat man das Gefühl, eine Kletterstelle nicht anders lösen zu können, liegt es aller Wahrscheinlichkeit nach an einer falschen Körperposition. Anstatt dann einfach weiterzumachen, sollte man zurück- oder abklettern und überlegen, wie es besser geht.

Beim Herunterkommen von der Wand mag die richtige Absprungtechnik bei Übergewichtigen eine größere Rolle spielen, weil hier Knie- und Sprunggelenk trotz der obligatorischen Matten recht stark gefordert sind. Wer von Anfang an darauf achtet, sich abzurollen, ist jedoch auf der sicheren Seite. Auch das sollte also kein Problem sein.

Welche Einschränkungen gibt es?

Solange man nicht mit massivem Übergewicht zu kämpfen hat, fallen die Nachteile gegenüber anderen Anfängern gering aus. Weil Kraft gerade bei Neulingen nicht der entscheidende Faktor für die Kletterleistung ist, können Einsteiger mit einem Wohlstandsbauch sogar schneller Fortschritte machen. Wichtiger ist, zu erkennen, wie die nächsten Züge funktionieren und wie diese sich am effizientesten ausführen lassen. Dafür braucht es ein gutes Bewegungsgefühl und einen guten Gleichgewichtssinn. Relevant wird zu hohes Gewicht erst ab einem fortgeschrittenen Trainingslevel, weil dann die Belastung für die Kapseln, Sehnen und Bänder in den Fingern steigt.

Kletterlegende Johnny Dawes zeigt, wie es geht: Obwohl der Brite längst nicht mehr in seiner besten Form ist, hält ihn das nicht von spannenden Bewegungsexperimenten ab. Seine Hände braucht er dafür nicht. Nur eine gute Balance.

Die Vorzüge des Boulderns für Übergewichtige

Wer regelmäßig und mit Elan trainiert, wird möglicherweise gar nicht vor dieses Problem gestellt. War man vor dem Start ins Bouldern eher selten sportlich aktiv, wird das Gewicht bei gleichbleibender – oder besserer – Ernährung von allein zurückgehen. Die stärker werdenden Muskeln tragen durch ihren selbst in Ruhe höheren Energieverbrauch dazu bei, dass dieser Gewichtsverlust von Dauer ist. Zu den Vorteilen zählen darüber hinaus eine stärkere Körpermitte, was Rückenschmerzen vorbeugt, und in vielen Fällen auch ein positiveres Selbstbild.

Was beim normalen Bouldern leider ein wenig auf der Strecke bleibt, ist das Herzkreislauftraining. Hat man es darauf abgesehen, kann man natürlich Boulder aneinanderhängen und mit kurzen Pausen zwischen den einzelnen Problemen sogar ein intensives Intervalltraining realisieren. Trotzdem sind Boulderer eher die Sprinter des Klettersports.

Kein Einmal-und-nie-wieder-Sport

Abgesehen davon stehen die Chancen gut, dass man dem Bouldern treu bleibt. Weil es sich um einen geselligen und abwechslungsreichen Sport handelt, dürfte die Motivation regelmäßig zu gehen, höher sein, als es beispielsweise beim Gerätetraining im Fitnessstudio der Fall ist. Es gibt also viele gute Gründe, es einmal mit Bouldern zu versuchen. Ob nun normalgewichtig oder nicht, spielt keine Rolle.

Bildquelle: National Institutes of Health / Wikimedia