Boulder-Training: Kraft ist nicht alles

Boulder hangelnWenn man ein für die eigenen Begriffe schweres Projekt angeht und sich die Schlüsselstelle partout nicht lösen lassen will, muss erstaunlich oft die gleiche Erklärung herhalten: Ich bin einfach nicht stark genug! So ganz ausschließen lässt sich das natürlich nicht. Wenn das Gelände steil, die Griffe sehr klein und die Züge weit sind, ist die Leistungsfähigkeit von Muskeln und Sehnen ohne Frage ein wichtiger Faktor. Dennoch bleibt sie nur einer von vielen. Gerade Anfängern ist das oft nicht bewusst.

Von unmöglich zu machbar in ein paar Minuten

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung illustriert das sehr schön. Vergangenes Jahr fanden die ersten Thüringer Bouldersessions statt, bei denen ich mich an einem Boulder abarbeiten musste, der mir in Sachen Stil überhaupt nicht zusagte. Zur notorischen Trittarmut kamen als Griffe sehr kleine Leisten, weshalb der Schrauber den bezeichnenden Namen „Kill Your Fingers“ vergeben hatte (hier gibt’s zwei Bilder). Schon beim Besichtigen hatte ich wenig Zuversicht, das Problem klettern zu können, weil ich die Punkte aber benötigte, führte kein Weg vorbei.

Die ersten Versuche scheiterten erwartungsgemäß und immer an der gleichen Stelle. Nach einem Kreuzer mit anschließenden Schulterzug musste der Körper neu positioniert und dadurch entstehender Schwung abgefangen werden, was für mich zum Rausschmeißer wurde. Klarer Fall: Die Kraft genügt nicht, um die Pendelbewegung an Griffen zu bremsen, die sonst eher als Tritte genutzt werden – so zumindest meine anfängliche Erklärung. Überraschenderweise klappte es ein paar Versuche später dann aber doch. Woran lag’s?

Dass ich innerhalb von einer halben Stunde nicht auf wundersame Weise mehr Strom in den Fingern bekommen habe, dürfte klar sein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Da jeder Versuch die vorhandenen Reserven weiter aufbraucht, hat man bei Projekten an der eigenen Leistungsgrenze allenfalls drei oder vier gute Versuche, bevor man eine längere Pause einlegen muss. Darauf hatte ich verzichtet, sodass tatsächlich zwei andere Komponenten beigetragen haben dürften: Zum einen konnte ich durch Probieren die für mich beste Fußposition finden und zum anderen hatte mein Körper die Bewegungsabläufe Stück für Stück verbessert. Meine grauen Zellen waren nach den Fehlversuchen auf das vorbereitet, was die Bewegungsfolge mit sich brachte, und konnten das Zusammenspiel der beteiligten Muskeln effizienter gestalten. Aus einem „unmöglich“ wurde so relativ schnell ein „machbar“.

Boulder Dach Technik
Selbst im Kraft-Klassiker Dach kommt es längst nicht nur auf starke Arme an, wie diese Sequenz zeigt. Der erste Teil des Boulders könnte entweder mit unheimlich weiten Hangelzügen oder in der technischen Variante mit den Füßen voran geklettert werden. Weil der Kletterer selbst bei der Drehung den Fußkontakt mit der Wand nicht verliert (zwischen Bild 7 und 8 wurde der rechte Fuß erst gelöst, als der linke bereits zum Hook aufgelegt war), spart er sich reichlich Energie für die im Anschluss folgenden Züge zum Top-Out.

Gelernt ist gelernt

Wer schon mehr als zwei oder drei Mal bouldern war, kennt diesen Effekt. Bewegungen, die sich am Anfang unglaublich schwer anfühlen, gehen nach einem oder mehreren erfolgreichen Versuchen immer besser von der Hand. Manchmal bereits Minuten, nachdem man sie zum ersten Mal erfolgreich absolviert hat. Man spricht davon, „einen Zug einzuschleifen“. Der Bewegungsablauf wird durch Wiederholung optimiert und gelingt im Idealfall immer kraftsparender. Das einmal erarbeitete Muster landet dann als sogenanntes Schema im Hirn (zumindest nach Ansicht einiger Bewegungswissenschaftler, die Theorie ist allerdings Gegenstand kontroverser Diskussionen) und kann in ähnlichen Situationen erneut abgerufen werden. Dieser Umstand erlaubt es erfahreneren Boulderern, auch unbekannte Probleme schnell zu klettern, wenn diese unterhalb des eigenen Limits liegen. Der Körper kennt die notwendigen Grundmuster und passt sie, sofern erforderlich, an die Route an.

Wie wichtig dies ist, kann man hervorragend bei Wettkämpfen beobachten, wenn Spitzenkletterern Züge gelingen, für die Otto-Normal-Boulderer nur Staunen übrig hat. Dass das manchmal beinahe mühelos klappt, liegt eben nicht nur an der überragenden Kraft, sondern vor allem daran, dass die abgeforderten Bewegungen nicht völlig neu sind. Was man im Training schon ein paar Dutzend mal gemacht hat, stellt auch beim Wettkampf kein sonderliches Problem dar. Wer es nicht glauben will, schaut sich den folgenden Clip an. So etwas zaubert niemand aus dem Hut, der seine Zeit nur an der Klimmzugstange verbringt:

Weg von der Stange und ran an die Wand!

Für Boulder-Neulinge ist das besonders wichtig, weil das Lernpotenzial am Anfang am größten ist. Zu klettern stellt Kopf und Körper vor eine völlig neue Herausforderung, was schnelle Erfolge schlicht dadurch ermöglicht, dass man sich die nötigen Bewegungskniffe aneignet. Erarbeitet man sich diese, was deutlich leichter und schneller klappt, als Muskeln aufzubauen, ist ein Mehr an Kraft in viel geringerem Maße gefragt, weil man eleganter an der Wand unterwegs ist. Körperlich stark zu sein, entpuppt sich anfangs sogar als Hindernis. Wer Bewegungsprobleme durch reinen Bizepseinsatz lösen kann, lernt nicht, wie es leichter geht, und wird in technisch anspruchsvolleren Bouldern einiges an Frust verdauen müssen.

Sollte man der Idee anhängen, der eigenen Kletterleistung schon in den ersten Monaten durch ausgiebiges Krafttraining auf die Sprünge helfen zu müssen, kann ich nur raten, das Eisen liegen zu lassen, mehr Zeit an der Wand zu verbringen und die Technik zu verfeinern. Die notwendige Kraft kommt gerade am Anfang ganz von allein. Gegen ein paar Klimmzüge und Liegestütze am Ende des Klettertags ist natürlich trotzdem nichts einzuwenden.