Simond Vuarde Tech Sliper: Meine Erfahrungen mit dem Spar-Treter

Simond Vuarde Tech Slipper TestWenn sich unsere kleine Klettergemeinschaft auf den Weg nach Fontainebleau macht, ist die Ausgestaltung der nächsten Tage eigentlich recht offen. Klar ist nur, es soll möglichst viel gebouldert werden. Ein Termin hat sich jedoch mittlerweile als verpflichtend erwiesen: Am ersten Ruhetag wird der Decathlon im Centre Commercial Villiers en Bière angesteuert, um sich mit allerlei nötigem und eventuell nötigem Outdoor-Material auszustatten. Seit meinem Besuch im April bin ich um ein Paar treue Kletterschuhe reicher – und das, obwohl ich keinerlei Absicht hatte, etwas zu kaufen. Die Simond Vuarde Tech Slipper musste ich trotzdem mitnehmen.

Performance-Treter für 60 Euro?

Das Ganze war ein glücklicher Zufall. Während meine Boulderkumpanen nach Stirnlampen, Essgeschirr und neuen Wanderschuhen fahndeten, wanderte ich eher ziellos am Kletterschuhregal vorbei. Neben bekannten Namen wie La Sportiva und Scarpa fanden sich dort auch Modelle der Decathlon-Hausmarke Simond, von der ich bereits zwei Kletterhosen besaß, mit denen ich recht zufrieden war und bin. Hauptkaufargument ist bei Simond zwar der günstige Preis, die Qualität lässt aber ebenfalls wenig zu wünschen übrig. Dass es bei den Schuhen genauso ist, konnte ich allerdings nur vermuten, ohne zu diesem Zeitpunkt echte Ambitionen zu haben, es herauszufinden. Was mein Interesse weckte, war jedoch die Behauptung, dass es sich beim im Regal zu findenden Simond Vuarde Tech Slipper um einen Performance-Schuh für höhere Schwierigkeitsgrade handelt. 60 Euro für einen Klettertreter, der auch noch höheren Ansprüchen genügen soll? Da darf man durchaus mal einen zweiten Blick riskieren. Also wurde ein Paar aus dem Regal genommen und anprobiert.

Die neuen Slipper im Einsatz am Thüringischen Kalk. Beim Hooken und Antreten von Minitritten machen die Schuhe eine gute Figur. (Foto: Frank Hampl)
Die neuen Slipper im Einsatz am Thüringischen Kalk. Beim Hooken und Antreten von Minitritten machen die Schuhe eine gute Figur. (Foto: Frank Hampl)

Den ersten „Probelauf“ startete ich mit einem Schuh der Größe 43 – 1 Nummer kleiner als mein Straßenschuh – und war überrascht. Obwohl der Vuarde Tech Slipper leicht asymmetrisch, also auf die Spitze zugeschnitten ist, und Vorspannung besitzt, saß er im Vergleich zu meinen altgedienten Kletterschuhen angenehm. Wo normalerweise die Zehenbox und Ferse drückt, war der Slipper bequem genug, um ein kleineres Paar zu testen. Nach mehreren Versuchen war klar, dass ich meine Füße in einen Schuh der Größe 42 zwängen kann, der dann hinten ausreichend fest sitzt, um bei Hooks zu halten und vorn genug Spannung hat, um auch kleine Tritte gut belasten zu können. Guter Sitz bei einem Preis von 60 Euro? Gekauft!

Tolles Trittgefühl und super Hook-Performance

Gelegenheit, den Simond Vuarde Tech Slipper auszuprobieren, gab es schon am nächsten Tag. An Bleau-Sandstein hatte mein Neuerwerb seinen ersten Felskontakt und schlug sich überraschend gut. Einziges Problem war, dass ich ihn nicht allzu lange tragen konnte, was bei neuen Kletterschuhen ja nicht ungewöhnlich ist. Beim Eintragen hilft nichts, außer immer wieder rein- und rauszuschlüpfen. Erfreulicherweise passte sich das Material schnell an. Schon am zweiten Tag konnte ich den Schuh länger tragen, weil sich das Obermaterial an den Zehen gefühlt etwas geweitet hatte. Dort hatte ich am Vortag trotz meines recht breiten Fußes die meisten Probleme gehabt. Die Sorge, der Schuh könnte die für mich wichtige Spannung und damit seine Stützfunktion verlieren, bestätigte sich dennoch nicht. Auch ein halbes Jahr nach dem ersten Einsatz hole ich die Simond immer noch heraus, wenn ich auf kleinen Tritten unterwegs bin.

Auch nach mehreren Monaten im Einsatz sieht die Spitze noch gut aus.
Auch nach mehreren Monaten im Einsatz sieht die Spitze noch gut aus.

Dies ist nicht allein dem straffen Sitz geschuldet. Simond stattet den Vuarde Tech Slipper mit einer Vibram XS Grip-Sohle aus, die wirklich am Fels (oder Plastik) klebt. Wo ich mit meinen früheren Schuhen das Gefühl hatte, auf einem Tritt herumzuschmieren und keinen sicheren Halt zu finden, sitzt der Slipper bombensicher und fühlt sich auch so an. Das überrascht ein wenig, da Simond ein vergleichsweise dickes Sohlengummi verwendet, was eigentlich gegen viel Gefühl beim Antreten sprechen würde. Theorie und Praxis haben hier glücklicherweise nicht allzu viel miteinander gemein. Überzeugen konnte mich der Schuh außerdem mit Hook-Qualitäten. Sobald ich meine ausladende Ferse in den Schuh gedrückt habe, umschließt dieser sie und lässt so schnell nicht mehr los. Das sorgt dafür, dass Hooks nicht daran scheitern, dass der Latsch sich auf halbem Weg verabschiedet.

Verarbeitung eher Mittelmaß

Wie fest der Vuarde Tech Slipper tatsächlich sitzt, habe ich im Sommer erleben können. Bei einem Boulder mit Liegestart musste ich einen Hook hinter eine raue und scharfkantige Schuppe legen, um anschließend kräftig zu ziehen. Der Schuh hielt, die Sohle leider nicht, wodurch sich das Fersengummi gut einen Zentimeter ablöste.* Möglicherweise macht sich hier der Preis bemerkbar, ich bin allerdings nicht sicher, ob ein teurerer Schuh diese Attacke besser überstanden hätte.

//Update: Mittlerweile habe ich mehrere Schuhmodelle von Simond getragen und musste mich mit dem Problem immer wieder herumärgern. Ich würde also sagen, dass es sich nicht unbedingt um eine Ausnahme handelt. Viel mehr ist es ein Designfehler, den Simond auch beim Nachfolger des Vuarde Tech, dem Vertika, (hier der Test)  nicht behoben hat. Der Fersengummi ist schlicht zu kurz. Legt man Hooks, kann es deshalb passieren, dass man den Kontakt zum Fels direkt auf der Kante des Gummis und damit auf einer Schwachstelle herstellt. Bei zu viel Zug gibt diese schließlich nach. Beim etwas teureren Simond Edge  ist das nicht der Fall. Hier hat man den Gummi verlängert und das Problem damit aus der Welt geschafft. Ambitionierte Boulderer sollte deshalb eher zu diesem Modell greifen.

Sicher ist jedoch, dass die Verarbeitung etwas unter dem Niveau teurerer Modelle liegt. Das zeigt sich mittlerweile auch an aufgedröselten Nähten und einem gerissen Gummi im Obermaterial. Außerdem waren beim Kauf noch Klebereste zu sehen, was nicht unbedingt für Sorgfalt spricht. Wirklich beschweren kann ich mich jedoch nicht, da sich die genannten Makel abgesehen von der abgerissenen Sohle nicht negativ bemerkbar machen, kein Kletterschuh für die Ewigkeit gefertigt und der Preis im Vergleich unschlagbar niedrig ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir die Simond-Treter auch nächstes Jahr noch treue Dienste leisten werden, sollte ich die Spitze nicht vorher durchgebouldert haben. Bis jetzt sieht das Gummi allerdings noch sehr gut aus.

Kleinere Makel sind mittlerweile zu erkennen. Im mittleren Bereich ist ein Gummiband gerissen, die Naht am Schaft fängt an zu fusseln.
Kleinere Makel sind mittlerweile zu erkennen. Im mittleren Bereich ist ein Gummiband gerissen, die Naht am Schaft fängt an zu fusseln.

Stärken und mögliche Probleme:

Für mich persönlich ist der Vuarde Tech Slipper ein toller Schuh, den ich auch weiterempfehlen würde. Das gute Trittgefühl und der sichere Halt auch auf kleinen Tritten sowie der Tragekomfort sprechen für die günstigen Treter. Allerdings muss die Fußform passen. Während breite oder hohe Füße aufgrund des elastischen Obermaterials kein Problem sein dürften, kann ich mir vorstellen, dass Menschen mit einer griechischen Fußform (zweite Zehe länger als die Großzehe) den asymmetrischen Schnitt als unangenehm empfinden. Außerdem ist denkbar, dass eine flache Ferse den Schuh hinten nicht richtig ausfüllt, weil diese beim Vuarde Tech Slipper recht stark ausgewölbt ist. Ein passender Schuh könnte bei solchen Füßen im Umkehrschluss auf der Achillessehne drücken. Das wäre dann allerdings wieder eine Frage der Gewohnheit.

Anfängern würde ich den Schuh nicht empfehlen. Slipper müssen sehr eng sitzen, um wirklich gute Kletterschuhe abzugeben. Wer den Vuarde Tech Slipper zu groß kauft, wird dessen volles Potenzial nicht nutzen können. Im Zweifelsfall sind Velcros oder Schnürer für Einsteiger immer noch die bessere Wahl. Beide Varianten hat Simond ebenfalls im Angebot.

*Die Sohle habe ich übrigens mit Vulkanisierungsflüssigkeit aus einem Fahrradkit wieder ankleben können. Da das Fersenmaterial beim Ausziehen des Schuhs stark geknickt wird, musste ich allerdings ein wenig Gummi wegschneiden, damit die Sohle sich nicht wieder löst. Das Ergebnis ist gut genug, um wieder bedenkenlos Hooks legen zu können. Der kleine Schwächeanfall der Slipper war also nicht ihr Todesurteil. Siehe hier:

Die Ferse konnte mit Fahrradflickzeug gerettet werden.
Die Ferse konnte mit Fahrradflickzeug gerettet werden. Nicht perfekt, aber ausreichend für die meisten Hooks.

//Update zur Reparatur: Mittlerweile muss ich mein Urteil in diesem Punkt revidieren. Zwar habe ich den Vuarde Tech immer noch im Einsatz, die Sohle hat sich bei Heel-Hooks aber immer wieder gelöst. In Bouldern, in denen Reibungstritte gestanden oder Toe-Hooks gelegt werden müssen, ist er oftmals erste Wahl. Unter anderem hat er mir eine Fb 7b+ ermöglicht, bei jeder andere Schuh in meinem Sortiment am Start-Toe-Hook an seine Grenzen gekommen ist.

Weil es aber nun mal Boulder gibt, in denen sich Reibungstritte, Toe- und Heel-Hooks die Klinke in die Hand geben, habe ich mich ein wenig belesen und bin auf einen Kleber namens Kövulfix gestoßen. Dieser gehört meines Wissens zum Handwerkszeug eines Schusters und ist besser für die Zwecke der Schuhreparatur geeignet als die Vulkanisierungsflüssigkeit aus einem Fahrrad-Kit. Dabei funktioniert die Reparatur im Grunde ähnlich. Zuerst müssen die zu verklebenden Flächen gereinigt und nach Möglichkeit angeraut werden. Anschließend bestreicht man sie mit Kövulfix und lässt den Kleber einige Zeit ablüften. Nach zehn bis dreißig Minuten ist die Flüssigkeit so weit, die Verbindung herzustellen. Hier zeigt sich dann der Unterschied zum Kleber aus dem Fahrradkit: Bei Kövulfix handelt es sich um einen Kontaktkleber, bei dem die Verbindung über Druck stabilisiert wird. Je fester man die beiden Klebeflächen gegeneinander drückt, desto sicherer ist später auch der Halt. Auf die Zeit kommt es dabei nicht an, weshalb vom Hersteller empfohlen wird, das Ganze mit einem Hammer zusammenzuklopfen.

Genau das habe ich vor einigen Monaten getan und kann mich seither auf eine weitestgehend stabil verklebte Sohle verlassen. Bei sehr aggressiven Hooks kommt dann aber doch der zwischenzeitlich erschienene Simond Edge zum Einsatz, der designbedingt weniger Anfällig für den Abriss des Fersengummis ist. Wenn du Probleme mit deinen Schuhen hast – völlig unabhängig davon, ob es Simond oder eine andere Marke ist – kann ich Kövulfix dennoch empfehlen. Meine Tube habe ich für einen knappen Zehner bei Amazon gekauft und kann damit wahrscheinlich über Jahre defekte Kletterschuhe retten. 

//Update: Den Vuarde Tech hat Decathlon schon vor einiger Zeit aus dem Sortiment genommen. Der Schuh wurde durch den Vertika ersetzt. Wie dieser sich in der Velcro-Version schlägt, habe ich ebenfalls getestet:

http://grundkurs-bouldern.de/2016/12/simond-vertika-der-vuarde-tech-nachfolger-im-praxistest/